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Nachhaltiger Glasersatz: Ist transparentes Holz eine echte Alternative zu Glas?

Holz ist als erneuerbare Energiequelle und nachhaltiger Baustoff bekannt. Künftig soll die natürliche Ressource aber noch vielfältiger im Einsatz sein. Wissenschaftlern des Stockholmer Royal Institutes of Technology (KTH) ist es gelungen transparentes Holz herzustellen. Das innovative Material könnte nicht nur eine nachhaltige Alternative zu Glas und lichtdurchlässigen Kunststoffen sein, sondern zudem für stets angenehm temperierte Innenräume sorgen.

Fast wie Zauberei: Aus weißer Watte wird transparentes Holz

Damit Holz transparent wird, nutzen die schwedischen Forscher einen chemischen Trick: Sie entziehen dem fein geschnittenen Holz den Hauptbestandteil Lignin, das den Zellstofffasern Festigkeit verleiht und Licht absorbiert. Ohne diesen stabilisierenden Stützbaustoff bleibt ein weißer, watteähnlicher Holzmantel zurück. Diesen imprägnieren die Wissenschaftler mit flüssigem Polymethylmethacrylat (PMMA), das als Acryl- und Plexiglas bekannt ist. Der synthetische, glasähnliche Kunststoff härtet die Holzfasern aus und ändert den Brechungsindex des Lichts. Das Ergebnis: eine lichtdurchlässige Holzscheibe, die laut der Forscher doppelt so stark ist wie Plexiglas.

Natürlicher Glasersatz soll bei der Wärmedämmung helfen

Da das stabile Faserskelett bei der chemischen Behandlung bestehen bleibt, behält das transparente Holz seine typische Struktur. Einen kleinen Schönheitsfehler hat dieser natürliche Glasersatz dennoch: Mit einer Lichtdurchlässigkeit von 85 Prozent ähnelt es eher Milchglas und wird wohl nie so durchsichtig wie echtes Fensterglas werden. Es wäre aber eine umweltfreundliche und kostengünstige Alternative zu halbtransparenten Kunststoffen, die aus fossilen Ressourcen hergestellt werden.

Als Baumaterial könnte das Holzglas außerdem einen weiteren Vorteil bieten. Der jüngste Prototyp der schwedischen Wissenschaftler soll Wärme isolieren und so die Energieeffizienz von Häusern verbessern. Dafür kombinierten die Forscher den Acrylkunststoff mit dem Polymer Polyethylenglykol (PEG). Dieses sogenannte Phasenwechselmaterial reagiert auf Temperaturänderungen. An sonnigen Tagen würde eine Fassade oder Fensterscheibe aus dem transparenten Holz Wärme aufnehmen und diese nachts ins Innere des Hauses abgeben.

Transparentes Holz könnte dank seiner Stabilität und Nachhaltigkeit ein Glasersatz werden.

Eine umweltfreundliche Alternative zu Glas für den Innen- und Außenbereich

Um einen rundum nachhaltigen Glasersatz zu schaffen, soll das transparente Holz künftig komplett aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden und kompostierbar sein. Da Acryl jedoch auf Erdöl basiert, suchen die schwedischen Forscher für diesen Füllstoff derzeit einen natürlichen Ersatz. Eine Lösung könnte zum Beispiel das französische Unternehmen Altuglas liefern, das bereits einen Mischkunststoff entwickelte, der bis zu 50 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht.

In Zukunft könnte das hölzerne Glas dann nicht nur das Baukonzept von Block- und Landhäusern abrunden, sondern auch im Innenbereich spannende Akzente setzen. Denkbar wären zum Beispiel semi-transparente Fußböden, Treppen oder Möbel.

Auch für Photovoltaikanlagen könnte das transparente Holz als bruchsichere Abdeckung genutzt werden, um Solarzellen vor Unwetterschäden wie Hagel zu schützen.

Innovativ, aber nicht neu: Wann schlägt die Stunde für transparentes Holz?

Die schwedischen Forscher sind mit ihrer Idee sicherlich nicht auf dem Holzweg, allerdings auch nicht die ersten. Hierzulande experimentierten bereits zu Beginn der 1990er Jahre Wissenschaftler wie Siegfried Fink an Verfahren, um transparentes Holz herzustellen.

Der große Durchbruch als vollwertiger Glasersatz blieb bislang aus. Auch die Prototypen aus Stockholm sind derzeit kaum größer als eine Briefmarke und nur millimeterdünn. Bis Zukunftsvisionen wie stabile Fensterscheiben, Glasfassaden oder Solarzellen aus transparentem Holz realisierbar sind, haben die Forscher also noch viel Arbeit vor sich.

Der Glasersatz soll laut Forscher für angenehm temperierte Innenräume sorgen.

Neben dieser Innovation, gibt es aber weitere absolut spannenden Projekte rund um das Thema Holz als nachhaltiges Baumaterial: Holz aus versunkenen Wäldern

eine ausgezeichnete Alternative für jeden, der nachhaltig bauen möchte und dabei viel Wert auf Design legt.

Dieser Artikel wurde am 02.08.2019 aktualisiert.

Was halten Sie von der Idee beim Hausbau transparentes Holz als eine Alternative zu konventionellen Glaselementen zu verwenden? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung.

Bauen Nachhaltigkeit
Kommentare
S
Saalmann 06.08.2016  |  13:09
Antworten

Zu dem hochinteressanten Material habe ich die umgekehrte Frage bzgl. der UV-Durchlässigkeit: Gibt es eine UV-Beständigkeit?

JB
Janette Baumann 08.08.2016  |  12:04

Hallo Peter, 100%ig mit ja oder nein können wir diese Frage leider nicht beantworten. Wenn Sie das Material interessiert, bietet die Publikation des American Chemical Society Journal ausführlichere Informationen zum Verfahren der schwedischen Forscher: http://bit.ly/1RQZdPI Viele Grüße, Janette Baumann

?

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K
Klaus 07.07.2016  |  12:59
Antworten

Wie schwer ist den das Material im Vergleich zu Glas? Ausserdem: Holz als Rohstoff ist natürlich klasse, aber wie umweltverträglich sind denn die weiteren Verarbeitungsschritte? Wann ist mit einem am Markt erhältichen Produkt zu rechnen? Ja, ich würde sowas bei mir einsetzen!

JB
Janette Baumann 07.07.2016  |  15:46

Hallo Klaus,
wie bei Erstpublikationen über wissenschaftliche Innovationen üblich, hat sich das schwedische Forscherteam auf die Veröffentlichung der Grundfakten konzentriert – Herstellungsart, Wirkung und Einsatzmöglichkeiten des Materials. Es wird bereits versucht das benötigte Plexiglas aus nachhaltigen Rohstoffen herzustellen, um das transparente Holz umweltschonender zu produzieren. Wir werden das Projekt weiterverfolgen und sind auch gespannt, wie es sich weiterentwickeln wird.

Viele Grüße, Janette Baumann

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Kommentare (3)
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