Tadao Ando: Architektur zwischen Licht und Beton

Tadao Andos Weg zu einem der bekanntesten Architekten unserer Zeit ist so ungewöhnlich wie seine Werke. Als Jugendlicher strebte er eine Karriere als Profi-Boxer an. Ein Buch über den Schweizer Architekten Le Corbusier weckte bei dem 15-Jährigen das Interesse für die moderne Baukunst. Am Ende studierte Tadao Ando weder Architektur noch Sport, sondern erkundete sieben Jahre lang die Welt. Auf Reisen durch Europa, die USA und Afrika erlebte er die Bauten der großen Meister hautnah und lernte im Selbststudium von ihnen.

Durch Selbststudium zum Stararchitekten: Inspiriert von der westlichen Moderne

Zurück in seiner Heimatstadt Ōsaka auf der japanischen Insel Honshu, in der Tadao Ando 1941 geboren wurde und aufgewachsen ist, eröffnete er 1969 sein Atelier Tadao Andō Architect & Associates.

Mit diesem realisierte er zunächst kleine Privathäuser, bei denen die architektonischen Einflüsse seiner Reisen sichtbar wurden. Werke des amerikanischen Architekten Louis Kahn und die geometrische Einfachheit des Bauhauses prägten die klare Handschrift seiner Entwürfe. Licht und Schatten sind meist die einzigen Gestaltungselemente der prestigelosen Bauten, die stets die Natur in ihr Konzept einbeziehen. Dieser Minimalismus ist zu Tadao Andos Markenzeichen geworden und brachte ihm 1995 sogar den begehrten Pritzker-Preis der Architektur ein. Ebenso wie sein großes Vorbild Le Corbusier arbeitet Tadao Ando vorzugsweise mit feinem Sichtbeton, um Zufluchtsorte zu schaffen, die vor dem urbanen Chaos schützen. Diese Idealvorstellung von architektonischer Gestaltung verfolgte er auch bei seinem ersten international bekannten Gebäude.

Ein ungewöhnlicher Werdegang: Tadao Ando begann als Boxer.  Quelle: YouTube / Irgendwas mit ARTE und Kultur

Haus Azuma: Privates Refugium inmitten des urbanen Trubels

Das Haus Azuma in Ōsaka (1976) fällt nicht nur wegen seiner Betonfassade optisch aus der Reihe der benachbarten Holzhäuser. Auf Wunsch des Eigentümers nach Ruhe und Privatsphäre entwarf Tadao Ando das Gebäude ohne Außenfenster. Licht dringt nur über einen zentral umschlossenen, nach oben geöffneten Innenhof ins Haus, das die komplette Fläche des knapp 57 Quadratmeter großen Grundstücks einnimmt.

Geschickt angeordnete Bauelemente aus Sichtbeton, Glas und Schiefer reflektieren das einfallende Licht und kreieren im Tagesverlauf lebhafte Schattenspiele. Vor allem aber schafft der Innenhof einen unabhängigen, privaten Wohnraum, den die traditionellen Reihenhäuser nicht bieten. Wie eine stille Wand trotzt das Haus dem Lärm und Treiben des täglichen Lebens. Für diesen besonderen Gestaltungsansatz erhielt Tadao Ando 1979 seine erste bedeutende Auszeichnung: den Jahrespreis des Japan Institute of Architects.

Ein Haus ohne Außenfenster und mit minimalistischer Einrichtung. Quelle: YouTube / Liniaprosta

Kirche des Lichts: Minimalistische Architektur schafft Raum für Ruhe

In der Kleinstadt Ibaraki entstand 1989 eines der markantesten Werke von Tadao Ando: „Die Kirche des Lichts“. Das Bauwerk zeigt, wie Licht Räume definieren und unsere Wahrnehmung verändern kann. Das Gebäude aus Stahl und Beton ist frei von jeglichen Verzierungen.

Ein großes Kreuz, das die makellos glatte Oberfläche der Betonschale an der Ostfassade öffnet, bringt als einzige Quelle Licht in die Dunkelheit. Tadao Andos Fokus auf minimalistische Ästhetik hat hier einen besonders surrealen Effekt und schafft eine Architektur der koexistierenden Gegensätze: Hell und Dunkel, Geschlossenheit und Transparenz, Stärke und Sensibilität prägen die Stimmung in diesem schlichten, meditativen Raum.

Das Bauwerk zeigt, wie Licht Räume definieren kann. Quelle: YouTube / Martin Zeme

„Hill Of The Buddha“: Unterirdische Stein-Statue ragt zum Himmel

Einen weiteren Tempel, der Natur und Baukunst auf besondere Weise verbindet, hat Tadao Ando 2015 mit dem „Hill Of The Buddha“ fertiggestellt. In der Stadt Sapporo im Norden Japans sollte er eine Gebetshalle entwerfen, die eine 15 Jahre alte Buddha-Skulptur in Szene setzt. Die 13,5 Meter hohe und 1.500 Tonnen schwere Statue aus massivem Stein steht auf dem freien Gelände eines Friedhofs.

Tadao Ando bedeckte die Skulptur unterhalb des Kopfes mit einem Erdhügel. Über einen 40 Meter langen Tunnel gelangen Besucher zu dem unterirdischen Teil der Statue, die von einer kreisförmigen Halle umgeben ist. Von hier aus blicken sie unwillkürlich zu Buddha hinauf, dessen Haupt durch die freie Öffnung Richtung Himmel ragt. Begrünt mit rund 150.000 Lavendelpflanzen ist „der Hügel des Buddha“ ein ganz besonderes Projekt.

The Hill of Buddha ist ein Bauwerk von Tadao Ando und zeigt eine große Buddha Skulptur

Konferenzpavillon für Vitra: Tadao Ando Architektur außerhalb Japans

Tadao Andos erstes Bauwerk außerhalb Japans wurde 1993 mit dem neuen Konferenzpavillon auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein fertiggestellt. Auf dem Gelände standen bereits mehrere Kirschbäume, in deren Mitte er den Neubau platzierte.

Da Kirschbäume in Japan traditionell von großer Bedeutung sind, sollten möglichst viele von ihnen erhalten bleiben. Mit einem klar gegliederten, zurückhaltenden Entwurf mussten lediglich drei Bäume dem Konferenz- und Tagungsgebäude weichen. Mit einem Pfad, der an die Meditationswege japanischer Klostergärten erinnert, integrierte Tadao Ando ein traditionelles Element aus seinem Heimatland.

Tadao Andos erstes Bauwerk in Europa. Quelle: YouTube / 9 Sekunden

Skulpturenmuseum in Bad Münster am Stein: Beton trifft Naturkulisse

Nicht in Kultur-Hochburgen wie Berlin, Hamburg oder Köln realisierte Tadao Ando bisher letztes Bauwerk in Deutschland, sondern im beschaulichen Bad Münster am Stein. Im Namen dieses Ortes liegt auch die Erklärung: Die fast 200 Meter hohe und 1.200 Meter lange Steinwand, unter der Bad Münster liegt, ist eine atemberaubende Naturkulisse für das erste zeitgenössische Skulpturenmuseum der Welt.

Tadao Andos Bauwerk ist als „Museum in der Landschaft“ konzipiert, das die Stein-Skulpturen des Künstlerpaares Kubach-Wilmsen auf besondere Weise in Szene setzt. Es verbindet eine große Feldscheune aus dem 18. Jahrhundert mit seiner typisch minimalistischen Beton-Konstruktion. Freilichthöfe mit Wasserbecken und Kiesböden schaffen sowohl für die Architektur als auch die Skulpturen einen einzigartigen Rahmen.

Tadao Andos Bauwerk ist als „Museum in der Landschaft“ konzipiert. Quelle: SWR

In mehr als 50 Jahren realisierte Tadao Ando zahlreiche bemerkenswerte Bauprojekte.

Die Architektur-Welt wäre heute definitiv um einige Kunstwerke ärmer, wenn der Stararchitekt Boxer geblieben wäre.

Kennen Sie weitere Bauwerke von Tadao Ando oder gefällt Ihnen eines der vorgestellten Projekte besonders gut? Wir freuen uns auf Ihre Meinung zur japanischen Architekturikone.

Architektenporträt Pritzker-Preis
Kommentare

Starten Sie die Diskussion über diesen Artikel

Das wird Sie auch interessieren

Diese Webseite verwendet Cookies. Bei weiterer Nutzung stimmen Sie deren Verwendung zu. Wir setzen außerdem, nach expliziter Einwilligung Ihrerseits, den von Facebook angebotenen Tracking-Pixel für Analysezwecke ein. (Dieser überträgt z.T. personalisierte Daten an Facebook USA.) Die ebenfalls eingesetzten „Social-Media-Plugins“ übertragen Daten erst nach Ihrem aktiven Zutun. Weitere Informationen zu den von uns und Dritten eingesetzten Cookies, dem Facebook-Pixel sowie den „Social-Media-Plugins“ erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung. Datenschutzerklärung.