Schmale Häuser: Architektur auf engstem Raum

Stadtplaner und Architekten lassen sich einiges einfallen, um der steigenden Bevölkerungsdichte in Städten gerecht zu werden. Überall dort, wo Wohnraum besonders knapp und teuer ist, boomen innovative Micro-Living-Konzepte, von denen wir Ihnen auf G-Pulse bereits in mehreren Artikeln berichteten. Manchmal besteht die größte Herausforderung aber auch nur darin, kleinste Freiflächen maximal zu nutzen. So füllen äußerst schmale Häuser das sonst lückenhafte Stadtbild internationaler Metropolen. In Japan haben sie besonders lange Tradition.

Kyosho Jutaku: Nischen-Trend auf dem japanischen Immobilienmarkt

Schon im 13. Jahrhundert entstanden in japanischen Stadtzentren die ersten Kyosho Jutaku – schmale Häuser auf sehr engen Grundstücken. Bis heute ist dieser Trend nicht vom Design getrieben, sondern von der Wirtschaftlichkeit. Mit einer meist ausgefallenen Architektur schmiegen sich vier- bis fünfstöckige Bauten in die Nischen zwischen bestehenden Gebäuden. So passen sich die Häuser dem Grundriss freier Bodenflächen an – selbst wenn diese nur wenige Zentimeter breit sind und kaum mehr als 10 Quadratmeter Wohnfläche bieten.

Im Inneren winden sich steile Treppen spiralförmig in die Höhe. Küche, Schlafzimmer und Wohnbereich nehmen oft ein ganzes Stockwerk ein und sind mit multifunktionalen, flexiblen Möbeln ausgestattet. Tageslicht wird in diesen engen Räumen zu einem wichtigen Gestaltungsmittel. Mit mehreren Fenstern oder großflächigen Glasfronten in den oberen Etagen wirken die Kyosho Jutaku meist nicht annähernd so klaustrophobisch, wie sie von außen erscheinen.

Auch wenn schmale Häuser wie das HX4 von Jun Ishikawa Architect nur einen Bruchteil der japanischen Immobilienwirtschaft ausmachen, steigt gerade im überbesiedelten Tokio die Nachfrage nach solchen multifunktionalen Wohnblöcken. Doch auch in anderen Ländern können Sie in dicht bebauten Stadtlandschaften extrem schlanke Häuser entdecken.

Keret House: Die hohe Kunst der schmalen Architektur

Schon 2009 stellte der polnische Designer und Architekt Jakub Szczesny beim WolaArt-Kunstfestival sein Keret House als künstlerisches Konzept vor. Drei Jahre später wurde diese Vision in Warschau Wirklichkeit. Auf dem ersten Blick kaum als Wohnhaus zu erkennen, reiht sich die Stahlkonstruktion zwischen Backstein und Beton zweier bestehender Bauwerke ein. Die breiteste Stelle der halbtransparenten, fensterlosen Wohnstruktur misst gerade einmal 122 Zentimeter und spitzt sich in der engsten Stelle auf 72 Zentimeter Wohnfläche zu. Dennoch bringt der schmale Raum auf der ersten Ebene eine Küchenzeile, ein Bad und einen Wohnbereich unter. Über eine Leiter erreichen die Bewohner das Schlafzimmer und den Arbeitsbereich. Mit einer voll funktionsfähigen Ausstattung dient das schmale Haus als vorrübergehende Bleibe für Künstler und Schriftsteller. Dennoch gilt es vor allem als Kunstinstallation, die von der Polish Modern Art Foundation (PMAF) unterstützt und ermöglicht wurde.

Keret House: Wohnen auf kleinem Raum. Quelle: DW Deutsch / YouTube

Gap House: Maximaler Wohnkomfort – kleiner ökologischer Fußabdruck

Dass in engster städtischer Umgebung auch nachhaltige Architektur und höchster Wohnkomfort möglich sind, zeigt das Gap House in West-London. An einer Seitengasse zwischen zwei denkmalgeschützten Bauwerken ist auf knapp 2,4 Meter Breite eleganter Wohnraum für eine vierköpfige Familie entstanden. Mit einer durchdachten Bauweise maximiert das Gebäude von Pitman Tozer Architects inmitten eines Naturschutzgebietes Licht und Raum auf minimaler Fläche.

Selbst an der engsten Stelle wirkt das Innere durch die helle, luftige Gestaltung freundlich und geräumig. Vom Innenhof fällt Licht in den Eingangsbereich und durchdringt das vierstöckige Haus bis in die oberste Etage.

Auf maximale Nachhaltigkeit ist auch das Energiekonzept im Gap House ausgelegt. Ein System zur Regenwassernutzung, eine moderne Dämmung, Solarenergie und eine Wärmepumpe sind Bestandteil der ganzheitlichen Strategie zur CO2-Reduktion. So verbraucht das schmale Haus gerade einmal 30 Prozent der Energie, die sonst in einem „normalen“ Eigenheim nötig sind.

Schmale Häuser : The Gap House bietet nicht nur Funktionalität, sondern auch Komfort
Schmale Häuser : The Gap House bietet nicht nur Funktionalität, sondern auch Komfort
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Singel 166: Das schmalste Haus von Amsterdam

Amsterdam ist für seine schmalen Grachten und Kanäle bekannt. Viele Stadttouren führen aber auch an dem rot leuchtenden Ziegelstein eines besonderen Gebäudes vorbei. Dem Singel 166 eilt der Ruf voraus, das schmalste Haus in Amsterdam zu sein – und diesem wird es mit einer rund 1,8 Meter breiten Front auch gerecht.

Wie die meisten schmalen Häuser liegt auch dieses zwischen zwei größeren Grundstücken und dehnt sich nach hinten aus. Es füllt die Lücke eines mittelalterlichen Festungsgrabens (die „Singel“), der bis Ende des 16. Jahrhunderts die Stadt im Westen begrenzte. Mit Blick auf einen Kanal ist die dreistöckige Mini-Residenz bis heute bewohnt, aber auch beliebtes Ziel vieler Reisegruppen.

So sieht Amsterdams schmalstes Haus aus. Quelle: adisurd / YouTube

La Casa Estrecha: Kleines Highlight in historischer Kulisse

Dass schmale Häuser tatsächlich kein Phänomen zeitgenössischer Architektur sind, zeigt auch eine (wortwörtlich) kleine Attraktion in der Altstadt der Karibikinsel Puerto Rico. Hier schmiegt sich die zweistöckige La Casa Estrecha zwischen die bunten Fassaden zweier historischer Bauwerke. Auf einer rund 1,5 Meter breiten Freifläche dehnt sich die La Casa Estrecha rund zehn Meter Richtung Hinterhof aus.

Wann dieses schmale Haus gebaut wurde, wissen weder Einwohner noch Historiker. Nach einer umfangreichen Renovierung soll das schmale Haus jetzt als Kunstgalerie und Museum mit neuem Leben gefüllt werden.

Passt nicht? Von dieser Frage scheinen sich einige Architekten längst verabschiedet zu haben. Schmale Häuser in aller Welt zeigen: es passt.

Welche außergewöhnlichen Bauwerke haben Sie in Ihrer Stadt oder auf Reisen entdeckt? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

Architektur Design Wohnkonzept
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