Renzo Piano wird 80: leise Monumente eines Stararchitekten

Mehr als 150 Entwürfe hat Renzo Piano in 50 Ländern rund um den Globus realisiert. Alle Bauwerke ließen sich nebeneinanderstellen und würden dennoch keine typische Handschrift erkennen lassen. Denn jedes Gebäude spricht für sich – und zwar leise. Bescheiden, aber frei von Scheu; unaufdringlich und dennoch stolz präsentieren sich seine Werke. Dabei wollte sich der Italiener nie auf Generalisierungen reduzieren lassen.

Renzo Piano: ein Talent ohne Design-Marotten

„Die wirkliche Falle für einen Architekten [...] ist es, in einem bestimmten Stil gefangen zu sein“, bringt es Renzo Piano auf den Punkt.

Ein „Stil als Marke“ sei das Gegenteil der Freiheit, die er als Architekt bräuchte. Und so lässt sich der Freiformer immer wieder auf das Abenteuer ein, jedem Auftrag mit größtmöglicher Unvoreingenommenheit zu begegnen, um für jede Kulisse die beste Lösung zu finden: ob mit seinem kühnen Spitzbau am Potsdamer Platz (1998), dem lichtdurchfluteten Weltstadthaus an der Kölner Schildergasse (2005) oder hügeligen Paul-Klee-Zentrum in Bern (2005). „Wenn man als Architekt das Glück hat, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wird man Zeuge des Wandels.“ 

Porträt von Renzo Piano. Quelle: Stefano Goldberg / Centre Georges Pompidou. Quelle: Denancé, Michel

Das Credo: stets experimentell und instinktiv
Renzo Piano hatte Glück – anders lässt sich sein Weg zu einem der renommiertesten Architekten der Moderne kaum beschreiben. 1937 in Genua geboren, ist dem Sohn eines Bauunternehmers die Welt des kalten Stahls und Betons bereits bestens vertraut, als er sein Architektur-Studium in Florenz und Mailand beginnt. Hier knüpft er erste Kontakte zu namhaften Architekten und gründete 1964 sein eigenes Büro. Schon damals gerne experimentell im Umgang mit neuen Materialien und Technologien, beschäftigt sich Renzo Piano zunächst mit Hallen- und Dachkonstruktionen, plant Stadtsanierungen, Industrie- und Messebauten. Vom freien Gestalten war das allerdings noch weit entfernt – das änderte sich durch ein kleines Wunder.

Mit innerer Ruhe in die Liga der Weltarchitekten
Mit seinem britischen Kollegen Richard Rogers gewann der damals 34-jährige 1971 den Wettbewerb für das Pariser Centre Pompidou: ein revolutionäres Großprojekt, deren technoide Röhren-Fassade seit seiner Fertigstellung 1977 zu den Attraktionen der französischen Hauptstadt zählt. Dem Geniestreich folgt eine Flut weiterer ehrgeiziger Aufträge. Diesen begegnet Renzo Piano wie gewohnt mit Fassung und gründet 1980 die Architektengemeinschaft Renzo Piano Building Workshop (RPBW), die heute Büros in Genua, Paris und Osaka verortet. Der Italiener hält dem plötzlichen Ruhm und den hohen Erwartungen stand und kann Jahre später viele der begehrtesten Preise seiner Branche entgegennehmen: dem Pritzker-Preis (1998) folgt zwei Jahre später der Goldene Löwe der Architektur-Biennale.

Das Centre Georges Pompidou in Paris

Quelle: Explore France / YouTube

Die Form folgt der Kulisse
Seine Werke wollen nicht konkurrieren, die Landschaft maßregeln oder Natur bezwingen. Sie fügen sich diskret ihre Umgebung – so wie die California Academy of Sciences von San Francisco (2008), deren umliegenden Park Renzo Piano einfach über das Gebäude schwappen lässt. Und selbst die unmittelbare Nachbarschaft zu berühmten Gebäuden bringt den Architekten nicht aus seinem innerlich ruhenden Konzept: Die 2011 eingeweihten Zellen von Le Corbusiers Wallfahrtskirche in Ronchamp schneidet er einfach elegant in den Hügelabhang. Unbeeindruckt von den Visionen und Theorien seiner Zeitgenossen blieb Renzo Piano eben stets ein Formenerfinder mit dem Geist eines Konstrukteurs.

Renzo Piano plant Hochhäuser mit Bodenhaftung
Auch bei der Präsentation seiner Projekte tritt er gerne hinter sein 150-köpfiges Team zurück: „Teamarbeit ist einfach kreativer“, stellt er fest. Ebenso räumt er seinen Auftraggebern eine wesentliche Rolle für den Erfolg seiner Projekte ein – sie liefern die Geschichten, die seinen Ideen zugrunde liegen. So war auch der Wunsch des Londoner Bürgermeisters, mit einer vertikalen Stadt Spannung zu schaffen, der Ausgangspunkt für das gläserne Hochhaus The Shard (2014) nahe der Tower Bridge. Das Resultat sorgte europaweit für Furore: Die einen feierten es als Meisterwerk postmodernen Designs, andere sahen in dem Mega-Turm eine Zerstörung der Londoner Skyline. Doch solche Kritik weiß Renzo Piano zu nehmen. „Als Architekt muss man Irritationen akzeptieren, da darf man nicht arrogant sein und sagen, ich mache, was ich will.“ 

The Shard: Das höchste Gebäude in West-Europa

Quelle: The View from The Shard / YouTube

„Schönheit macht die Menschen besser"
In den USA hat sich Renzo Piano vor allem als Museumsarchitekt einen Namen gemacht. Tatsächlich bevorzugt er selbst öffentliche Gebäude, Konzertsäle und Theater, Schulen, Universitäten oder Bibliotheken. Das hat seinen Grund: Der Masterplaner möchte nicht nur Gebäude schaffen, sondern Orte, an denen Menschen ihre Werte miteinander teilen können. 

Getreu dem Motto „schön und gut“ präsentieren sich seine Bauten daher ebenso formschön wie zweckmäßig – und immer öfter auch nachhaltig. Schon das stolze Verlagshaus der New York Times stattete er 2007 mit einer klimafreundlichen Fassade aus Keramikstäben und Eisenglas aus. Derzeit entsteht mit dem Bürogebäude Float am Medienhafen Düsseldorf ein weiteres modernes Denkmal energieeffizienter Architektur. 

The Float - Ein neues und kraftvolles Highlight mitten in Düsseldorf

Quelle: FLOAT / YouTube

Zu seinem 80. Geburtstag am 14. September liegt eines seiner aktuellen Großprojekte, der 160-Meter hohe Justizpalast am Nordwestrand von Paris, in den letzten Zügen seiner Fertigstellung. 

Wie viele Werke noch folgen werden, weiß der Stararchitekt vermutlich selber nicht. Denn einem Stil bleibt der Freigeist eben doch stets treu: Er nimmt die Dinge, wie sie kommen.

Haben Sie einen Favoriten unter den Bauwerken von Renzo Piano? Wir freuen uns über Ihre Meinung und Anregungen!

Architektur Biennale Design

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