Pritzker-Preis 2021: Anne Lacaton and Jean-Philippe Vassal gewinnen renommierten Architekturpreis

„Niemals etwas abreißen" lautet das Credo der Pritzker-Preisträger 2021. In mehr als 30 Jahren ihres Schaffens haben sich Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal als Pioniere des Bewahrens und der Umnutzung einen Namen gemacht. Ihr Talent, den Wert des Vorhandenen zu erkennen und dabei konsequent für soziale und ökologische Gerechtigkeit einzustehen, brachte dem Duo jetzt die Auszeichnung mit dem renommierten Architekturpreis ein.

Mit wenigen Mitteln Neues schaffen

Kennengelernt haben sich Anne Lacaton (geboren 1955 in Saint-Pardoux, Frankreich) und Jean-Philippe Vassal (geboren 1954 in Casablanca, Marokko) Ende der 1970er Jahre während ihrer Architekturausbildung in Bordeaux. Als „zweite Schule" bezeichnete Vassal später ihre gemeinsamen Aufenthalte in Niger. Während Lacaton zunächst an der Universität in Bordeaux Stadtplanung studierte, war Vassal in dem westafrikanischen Land mit den realen Gegebenheiten und begrenzten Möglichkeiten der Menschen konfrontiert. Diese Erfahrung hat die Herangehensweise und das Verständnis der beiden für ihren Beruf nachhaltig geprägt. 1987 gründeten sie in Paris ihr Architekturbüro Lacaton & Vassal, mit dem sie bis heute mehr als 30 Projekte in Europa und Westafrika realisiert haben. Ihr Portfolio umfasst private und soziale Wohngebäude, kulturelle und akademische Einrichtungen sowie öffentliche Räume, in denen ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sichtbar wird. 

Oscar der Architekturbranche: Der Pritzkerpreis geht dieses Jahr an Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal.
Oscar der Architekturbranche: Der Pritzkerpreis geht dieses Jahr an Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal. Quelle: Philippe Ruault

Architektur, in der sich Menschen wohlfühlen

Inspiriert sind viele ihre Entwürfe von Gewächshäusern botanischer Gärten, die mit ihrer transparenten Hülle, natürlichem Licht und der naturnahen Umgebung sowohl die klimatischen Bedingungen als auch das Wohlbefinden der Menschen in ihnen verbessern. 

Schon bei einem ihrer frühesten Projekte, dem Latapie House in Bordeaux (1993) sorgen transparente Polycarbonatplatten für eine natürliche Klimatisierung und Beleuchtung, um die Gemeinschaftsräume hell und freundlich erscheinen zu lassen. „Gute Architektur sollte nicht demonstrativ oder aufdringlich sein. Sie muss vertraut, nützlich und schön sein, und still das Leben unterstützen, das in ihr stattfindet", so Lacaton.

Das Latapie House in Floirac, Frankreich Quelle: Lacaton & Vassal, 1993

Wiederbeleben statt Abreißen

Jedes Projekt von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal beginnt mit einer Bestandsaufnahme und Wertsuche im Bestehenden. Den Abriss von Gebäuden lehnen sie dabei konsequent ab. Es sei „eine Verschwendung von Energie, eine Verschwendung von Material und eine Verschwendung von Geschichte. Darüber hinaus hat es sehr negative soziale Auswirkungen.

Für uns ist es ein Akt der Gewalt", beschreibt Lacaton und ergänzt: „Transformation ist eine Chance, das zu verbessern, was bereits existiert." Diese Chance erkannten und nutzen die Architekten zum Beispiel bei der Umwandlung des Kulturzentrums FRAC Nord-Pas de Calais in Dunkerque (2015). Hier hängten sie an das bestehende Gebäude einfach eine zweite Halle mit ähnlichen Dimensionen, um den Lager- und Ausstellungsraum für regionale, zeitgenössische Kunst zu erweitern.

 
In Dünkirchen haben die Architekten eine ehemalige Werfthalle zu einem regionalen Zentrum für zeitgenössische Kunst umgebaut.

Großzügiger Wohnraum zu bezahlbaren Preisen

Ihr puristischer Ansatz und die bescheidene Materialwahl ermöglichte es auch, kostengünstig großzügigen Wohnraum zu realisieren und den Bewohnern mehr Freiheiten in ihrem alltäglichen Leben zu schenken. Mit diesem Ziel planten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal zum Beispiel die Modernisierung des 17-stöckigen Wohnblocks Tour Bois le Prétre in Paris (2011). Aus den einst beengten Wohnzimmern des 60er-Jahre-Baus entstanden durch Terrassen und große Glasfronten 100 freundliche, helle Sozialwohnungen.

Diesem Konzept folgte das Duo auch bei der Erneuerung von drei Gebäuden im Grand Parc-Viertel von Bordeaux (2017). Gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin erweiterten sie den Wohnraum der 530 Einheiten durch großzügige Wintergärten und Balkone. Die Gewächshaus-ähnliche Architektur ermöglicht den Menschen zu jeder Jahreszeit, energieeffizient und naturnah zu wohnen. Wichtig war den Architekten dabei stets, die Bewohner durch den Umbau nicht zu verdrängen und Mietstabilität zu sichern. „Es gibt keinen Grund, warum ein Raum mit guter Qualität viel kosten muss", sagte Anne Lacaton vor einigen Jahren in einem Interview.

Die Cité du Grand Parc: Zuvor eine typische Großwohnsiedlung nördlich des Stadtzentrums von Bordeaux. Quelle: Lacaton & Vassal
Ergänzung statt Abriss: Anne Lacaton & Jean-Philippe Vassal erhielten den Auftrag, die Wohnräume aufzuwerten.Quelle: Lacaton & Vassal
Gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin erweiterten sie den Wohnraum der 530 Einheiten durch großzügige Wintergärten und Balkone. Quelle: Lacaton & Vassal

Pritzker-Preis 2021 für zwei Architekten, die auf Gerechtigkeit bauen

Anne Lacaton und Jean-Philippe reagieren sowohl auf die klimatischen und ökologischen Notlagen unserer Zeit als auch auf soziale Dringlichkeiten, insbesondere im Bereich des städtischen Wohnungsbaus. „Die Arbeit von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal spiegelt den demokratischen Geist der Architektur wider. Mit ihren Ideen, der Herangehensweise an den Beruf und den daraus resultierenden Gebäuden haben sie bewiesen, dass das Bekenntnis zu einer restaurativen Architektur, die zugleich technologisch, innovativ und ökologisch ist, ohne Nostalgie verfolgt werden kann", so die Jury des Pritzker-Preises 2021

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal haben ihr Verständnis von Nachhaltigkeit konsequent erweitert, um ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Ansprüchen zu schaffen. Damit hätten sie nicht nur einen architektonischen Ansatz definiert, der das Erbe der Moderne erneuert, sondern auch eine angepasste Definition des Architekturberufs vorgeschlagen, heißt es in der Erklärung der Jury. Ihre Auszeichnung mit dem Pritzker-Preis 2021 ist eine Wertschätzung für moderne Baukunst die fair für den Menschen, die Umwelt und künftige Generationen ist.

Der Pritzker-Preis gilt als die wichtigste Auszeichnung der Architektur und wurde 1979 von der Hyatt Foundation ins Leben gerufen

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal folgen den beiden irischen Architektinnen Shelley Mcnamara und Yvonne Farrell von Grafton Architects, die den begehrten Preis im vergangenen Jahr entgegennehmen konnten.

Waren Ihnen die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal bereits bekannt? Teilen Sie Ihre Meinung zu den diesjährigen Pritzker-Preisträgern in den Kommentaren.

Architektenporträt Pritzker-Preis
Kommentare

Starten Sie die Diskussion über diesen Artikel

Das wird Sie auch interessieren