Jean Nouvel: Stararchitekt feiert 75. Geburtstag

Viele Jahre hatte Jean Nouvel auf eine Auszeichnung mit dem Pritzker-Preis gehofft. Im Jahr 2008, nach gut 200 realisierten Bauten in aller Welt, konnte der damals 62-jährige Franzose den „Nobelpreis der Architektur“ endlich entgegennehmen.

Die Pritzker-Preisjury, darunter auch der renommiert Architekt Renzo Piano, betonte in ihrer Laudatio seine „Beharrlichkeit, Fantasie und den unstillbaren Drang zum kreativen Experiment“.

Ein Künstler unter den Architekten. Quelle: Youtube / Louisiana Channel

Mit Neugier und Risikobereitschaft zur Architektur-Größe

Nur wenige Baumeister können ein derart abwechslungsreiches Lebenswerk vorweisen wie Jean Nouvel. Berühmt wurde er 1987 mit dem Kulturzentrum Institut du Monde Arabe (IMA) in Paris. Dessen vollständig verglaste Fassade versah er mit mechanischen Blenden, die sich bei Lichteinwirkung automatisch öffnen und schließen. Die hochmoderne Technik und quadratischen Fenster erinnern an die Architektur arabischer Paläste. Es zeigte Nouvels frühes Interesse für die Kultur und Baukunst des Mittleren Ostens, das sich wie ein roter Faden durch seine internationalen Projekte zieht.

Ebenso vielseitig wie die Standorte seiner Bauten ist Nouvels Handschrift. Wer das Guthrie-Theater in Minneapolis (2006) betrachtet, kommt kaum auf die Idee, dass es von demselben Architekten stammt wie das radikal modernisierte Opernhaus in Lyon (1993) oder die elegante Galeries Lafayette (1996) an der Berliner Friedrichstraße. Was all diese Nouvel-Gebäude gemeinsam haben, ist ein kontextbezogener Ansatz.

Das Kulturzentrum machte Jean Nouvel bekannt. Quelle: Youtube / Archivity

Jean Nouvel auf der stetigen Suche nach dem Einzigartigen

Jean Nouvels Entwürfen liegen keine Stil- oder Ideologieüberlegungen zugrunde, sondern die Suche nach einem einzigartigen Konzept. „Ganz egal, wo ich bin und wo ich gerade arbeite, ich kann gar nicht anders, als die Schönheit dieses einen ganz bestimmten Ortes herauszukitzeln und mit meinen architektonischen Ideen zu liebkosen“, so der Baumeister in einem Interview.

Sein Streben nach Originalität und die Bereitschaft, in jedem Projekt Risiken einzugehen, haben seinen Ruf geprägt. „Seit Beginn seiner Architekturkarriere in den 1970er Jahren hat der Franzose Jean Nouvel die Ästhetik der Moderne und der Postmoderne gebrochen, um eine eigene Stilsprache zu schaffen“, schreibt Pritzker-Preis-Direktor Bill Lacy in seinem Buch „Einhundert zeitgenössische Architekten“.

Torre Agbar in Barcelona.
Jean Nouvel ist auf der stetigen Suche nach dem Einzigartigen wie man am Beispiel des Torre Agbar sieht.

Inspiration in der Umgebung finden

Wie er die Grenzen der eigenen Kreativität immer wieder neu auslotet, erklärt Jean Nouvel am Beispiel eines seiner jüngsten Großprojekte: das Nationalmuseum von Katar, das im März 2019 eröffnete. „Ich habe nach einem Symbol gesucht, das respektgebietend, würdevoll und einzigartig ist“, so der Architekt.

Als Symbol für die Wüste entwarf Nouvel das 52.000 Quadratmeter große Gebäude wie eine Sandrose, was er so erklärt: „Sie steht für das Archaische und die Ewigkeit der Wüste. Doch wenn sie übermäßig stark vergrößert wird wie im Falle dieses Museums, dann wird die Sandrose auch zum Symbol für den Modernisierungsprozess dieses Landes: von der Epoche des Nomadentums und der Wüste zum Streben in die Zukunft“.

Ein Beispiel für Jean Nouvels Kreativität ist das 58.000 Quadratmeter große Nationalmuseum von Katar. Quelle: Youtube / Qatar Museums

Von der Kunstschule in die Ateliers Jean Nouvel

So durchsetzungsstark und eigensinnig wie seine Baukunst gibt sich Jean Nouvel auch als Person. Freunden und Kunden ist er als Querdenker bekannt. Das machte sich schon früh bemerkbar: Trotz Einwände seiner Eltern begann Jean Nouvel mit 20 Jahren ein Kunststudium an der Staatlichen Hochschule École des Beaux Arts in Paris. Um Geld zu verdienen, nahm er eine Stelle in einem Architekturbüro an und verantwortete dort nach nur einem Jahr einen großen Apartmentkomplex als Projektmanager.

Noch bevor er die Schule beendet hatte, eröffnete der 25-jährige Nouvel sein erstes Architekturbüro.

Nach mehreren weiteren Firmen mit verschiedenen Junior- und Geschäftspartnern gründete er 1994 die Ateliers Jean Nouvel in Paris. Den gut gefüllten Auftragsbüchern folgten sechs weitere Niederlassungen, unter anderem in London, Barcelona und New York. Mit diesen realisierte Jean Nouvel Großprojekte in aller Welt: ob Hotels, Kulturbauten und Bürogebäude oder Handelszentren und Wohnkomplexe

Mit seinem Architekturbüro setzte Jean Nouvel Projekte auf der ganzen Welt um. Quelle: Youtube / The B1M

Von künstlichen Landschaften und urbanen Naturphänomenen

In seinem Heimatland pflastern viele Werke den Erfolgsweg des Pritzker-Preisträgers: eines der wohl bekanntesten Bauten ist das Pariser Kunstmuseum Fondation Cartier (1994), dessen Glasfassade im Sonnenlicht zu funkeln scheint. Internationale Anerkennung fanden auch Projekte wie der Justizpalast von Nantes (2000), die Pariser Philharmonie (2015) und das monumentale Musée du Quai Branly für die Kunst außereuropäischer Völker (2007), das sich im Schatten des Eiffelturms aus einem naturbelassenen Park erhebt.

Das Kultur- und Konferenzzentrum von Luzern (2000) konzipierte er so, dass es in exklusiver Lage am See einen Blick auf die ganze Stadt bietet. Durch die monumentale Formgebung und den Einsatz Materialien wie Glas und Metall prägen Jean Nouvels Bauten eine Ästhetik des Erhabenen. Stolz ragen zum Beispiel der Torre Agbar in Barcelona (2006) und der 230 Meter hohe Doha Tower (2012) aus dem Stadtbild. Einem Naturphänomen gleicht auch der Louvre in Abu Dhabi (2017), der mit einer Kuppel aus 8.000 silbernen Metallsternen über dem Wasser zu schweben scheint.

Jean Nouvels Bauten prägen eine Ästhetik des Erhabenen. Quelle: Youtube / Business Insider

Dass die Einbindung der Umgebung ein klares Leitmotiv von Jean Nouvels Entwürfen ist, verdeutlichen die meisten seiner Werke.

So wird Jean Nouvel seinem eigenen Anspruch einzigartige Bauwerke zu schaffen und die eigene Kreativität immer wieder neu zu entdecken, bereits seit gut einem halben Jahrhundert gerecht.

Welche Werke aus den Ateliers Jean Nouvel beeindrucken Sie besonders? Haben Sie schon eines seiner Gebäude besucht? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

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