Vom Bauwerk zur Alltagskunst

Um eine Vase, eine Lampe oder einen Spiegel sowohl ästhetisch als auch sinnhaft aus der Masse herausragen zu lassen, braucht es schon einiges an Originalität und künstlerischer Experimentierfreude. 

Genau davon haben offenbar nicht nur berufserfahrene Interior Designer genug zu bieten, sondern auch manche Architekten. 

Leuchtendes Concert-Pendel von Jørn Utzon

Interior Design aus der Hand des Architekten Jørn Utzon, Quelle: Lightyears

Eine klare, organische Linienführung ist stilprägend für viele Bauwerke aus der Hand von Jørn Utzon. So wundert es kaum, dass die Concert-Pendelleuchte des dänischen Architekten optische Ähnlichkeiten zu seinem Opernhaus in Sydney aufweist. Zwischen vier weißen, halbmatt-lackierten Glasschirmen bahnt sich das weiche Licht seinen Weg in den Raum. 

An der Aufhängung des Opalglases befestigt, dämpft ein parabolförmiger Reflektor aus gezogenem Stahl das Licht und fungiert als Blendschutz. Dabei werden die beiden nach oben gerichteten Schirme angestrahlt, während das nach unten scheinende Licht durch den Reflektor diffus gestreut wird. An Raffinesse hat die Pendelleuchte kaum verloren, seit sie der Lampenhersteller Lightyears 2005 in sein Sortiment aufnahm.  

Arktische Schönheit: Crevasse-Vase von Zaha Hadid

Vasen im fließenden Design von der Star-Architektin Zaha Hadid, Quelle: Alessi

Mit ihren ebenso abstrakten wie visionären Bauten galt Zaha Hadid stets als Verfasserin klarer architektonischer Botschaften. Fast schon episch ist auch der Ansatz viele ihrer Interior-Entwürfe. Mit der Edelstahlvase Crevasse für Alessi zeichnet Hadid eine mystische Welt aus zu Eis erstarrter Bewegung. Scharf wie die Bruchkante einer Gletscherspalte und spiegelnd wie eine Eisfläche bringen die vertikal gedrehten Seiten der Vase dynamische Spannung in die „gefrorene“ Form. 

Wenngleich dieses Interior-Accessoire auch ohne Blumenschmuck seine Wirkung kaum verfehlt, überrascht die skulpturale Vase einmal mehr mit grünem Dekor: wie ein unerwartetes Paradoxon scheinen die Pflanzen aus widrigen Eis emporzuwachsen. Mit dieser fantasievollen Designsprache passt die Crevasse-Vase perfekt in die Officina Alessi-Reihe, die für experimentelles Interior Design bekannt ist.

Ein Klassiker ohne Effekthascherei: AJ-Leuchte von Arne Jacobsen

Ein Klassiker unter den Leuchten von Arne Jacobsen, Quelle: Louis Poulsen

Als Arne Jacobsen Ende der 50er Jahre sein SAS Royal Hotel in Kopenhagen entwarf, wollte er den Bleistift wohl gar nicht mehr vom Skizzenblock absetzen. Sein Entwurfskonzept umfasste das gesamte Interieur und brachte neben ikonischen Designermöbeln wie den Egg-Chair auch die stilprägende AJ-Leuchte hervor. Mit ihrem markanten, asymmetrischen Schirm avancierte sie als Tisch- und bodenstehendes Modell schnell zum strahlenden Wohnklassiker. 

Zielgerichtet lenkt der schwenkbare Schirm aus gezogenem Stahl mit seiner weiß lackierten Innenseite das Licht. Unverkennbares i-Tüpfelchen zeichnet der Fuß aus Zinkdruckguss mit seiner charakteristischen Kreisöffnung. Zum 50-jährigen Jubiläum bereicherte der Hersteller Louis Poulsen die AJ-Serie um fünf neue Farbausführungen.

Kristallklare Tischkultur von Peter Zumthor

Alltagsgegenstände aus Architektenhand, Quelle: Alessi

Die erste Skizze zu seiner Gefäß-Kollektion hing so lange ungeachtet am Reißbrett, dass Peter Zumthor irgendwann selbst nicht mehr wusste, was sie darstellen sollte. Vielleicht ein Hochhaus? Zum Glück fiel es der Schweizer Architekturgröße wieder ein und es entstand eine Serie, mit der so banalen Alltagsdingen wie einem Salzstreuer eine skulpturale Dimension verliehen wurde. Angelehnt an Kristallformen, geben seine unregelmäßigen Gefäß-Monolithen dem Begriff „Tischkultur“ eine ganz neue Bedeutung.

Zu seiner fünfteiligen Kollektion für die italienische Designerschmiede Alessi gehört neben einem Salz-, Pfeffer-, Gewürz- und Zuckerstreuer auch ein Öl- oder Essigbehälter. Die aus Kristallglas gefertigten Gefäße mit Verschlüssen aus versilbertem Stahl sind aber nicht nur dekorative Hingucker, sondern für den Alltagseinsatz angefertigt. 

Ob Gebäude oder Interior Design: Libeskind schafft Überraschungen

Mit seinem Studio kreiert der Architekt Daniel Libeskind Bauwerke, die er als öffentliche Kunst und Spiegel des modernen Lebens versteht. Ebenso expressiv und innovativ ist auch seine Herangehensweise bei Entwürfen von unterschiedlichem Interior Design. So ist zum Beispiel der Mirage Mirror allein durch seine modulare Splitter-Optik mehr als einen Blick wert. Im Abstand von fünf Zentimetern an der Wand montiert, wirft der Spiegel geheimnisvolle Schatten und verstärkt je nach Blickwinkel seinen dreidimensionalen Effekt.  Mehr als nur ein Wortspiel im digitalen Zeitalter ist auch das weiße Web-Bücherregal, bei dem Libeskind mit versetzten Blöcken und Hohlräumen nahezu eine neue Leseart dieses Möbelstücks schreibt. 

Hingegen windet sich das Enigma-Regal zu einem skulpturalen Kunstwerk, dessen weißer, italienischer Marmor in einer agilen, dreidimensionalen Matrix nicht nur plastische, sondern auch funktionelle Überraschungen birgt.  

Ist es noch Interior Design oder schon Kunst? Die Antwort mag nicht nur im Auge des Betrachters, sondern vor allem in der Hand des Nutzers liegen. In jedem Fall bereichern die Einrichtungsstücke der fünf Architekten die Alltagskultur auf denkbar einfache und doch ungewöhnlichste Weise.

Welches Designerstück fasziniert Sie besonders? Haben Sie weitere Interior-Schätze zu Hause? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

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