Ieoh Ming Pei: Der „Meister des Lichts“ und sein Jahrhunderterbe

„Architektur darf nicht modisch sein“, stellte Ieoh Ming Pei einmal fest. „Sie braucht einen langen Atem.“ Von Erfolg getragen, aber auch von Kritikern begleitet, hat der zeitgenössische Architekt zu Lebzeiten diesen langen Atem bewiesen.

Ieoh Ming Pei über den Schlüssel der Baukunst

Transparenz und Bewegung“ nannte Ieoh Ming Pei die wichtigsten Kriterien für moderne Museumsbauten, von denen er zahlreiche entworfen hat.

Das scheint hinsichtlich der Geometrie und Statik, die seine Entwürfe prägten, zunächst paradox. Das Bewegende in seinen Arbeiten war jedoch die Lichtgestaltung.

Dieser Schlüssel öffnete dem chinesisch-amerikanischen Baumeister die Türen an die Spitze der westlichen Architekturwelt.

„Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Licht der Schlüssel zur Architektur ist“, so Ieoh Ming Pei in einer Interview-Reihe.

Einblicke in das Leben von I.M.Pei. Quelle: CNBC Television / YouTube

Mit großflächigen Fenstern, gläsernen Fassaden und kunstvoll geöffneten Dachformationen gelang es Ieoh Ming Pei immer wieder, die geradlinige Sachlichkeit seiner Entwürfe durch filigranes Licht-Design auszubalancieren.

Eines der prominentesten Beispiele ist die Glaspyramide im Innenhof des Louvre, die in Europa sein berühmtestes Werk werden sollte. Zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung in 1989 blickte Ieoh Ming Pei aber bereits auf eine lange, beachtliche Architekturkarriere zurück.

Ein Besuch im Pariser Museé du Louvre. Quelle: Around the World / YouTube

Vom Bauhaus-Schüler zum Vollender der klassischen Moderne

Mit der westlichen Welt kam Pei, der 1917 im südchinesischen Guangzhou geboren wurde, früh in Kontakt. Fasziniert von den ersten Hochhäusern, die sich im Geschäftszentrum von Shanghai auftürmten, reiste Ieoh Ming Pei mit 17 Jahren in die USA, um an den besten Adressen des Landes Architektur zu studieren. 1940 machte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston seinen Bachelor. Schon damals zeigte er sich beeindruckt von den Theorien des Architekten Le Corbusier, der zwei Tage als Gastdozent am MIT Vorträge hielt.

1942 begann Ieoh Ming Pei sein Masterstudium an der Harvard Graduate School of Design, an der ihn unter anderem die Bauhaus-Meister Walter Gropius und Marcel Breuer unterrichteten. Gropius bot dem talentierten Schüler eine Stelle als Assistant Professor und erwies sich als einer seiner wichtigsten Förderer. Die Bauhaus-Lehren entwickelte Ieoh Ming Pei nach seiner hochgelobten Abschlussarbeit (1946) stetig weiter, was ihm den Ruf als „Vollender der klassischen Moderne“ einbrachte.

Im Westen viel Neues: Rasanter Aufstieg zum gefragten Architekten

Als der Zweite Weltkrieg seine Rückkehr nach China verhinderte, wurde die USA zu Peis Wahlheimat. 1955 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft und gründete in New York sein eigenes Architekturbüro I. M. Pei & Associates, das bis heute als Pei Cobb Freed & Partners international tätig ist.

Zu den Aufträgen zählten städtische Prestige-Projekte wie das Mile High Center in Denver (1955), der neu gestaltete Hyde Park in Chicago (1959) sowie das Büro- und Shopping-Zentrum Place Ville-Marie in Montreal (1965). Mit seinem Charme überzeugte der junge Ieoh Ming Pei auch Jackie Kennedy, die ihn 1964 mit dem Entwurf der John F. Kennedy-Bibliothek beauftragte.

Ieoh Ming Pei kombinierte oft historische Bauwerke mit moderner Kunst.

Vom Licht bewegt: Ieoh Ming Pei zwischen Geometrie und Sinnlichkeit

Seine zunächst konstruktionsbetonte Stahl- und Glasarchitektur trat ab den 1960er Jahren zunehmend in den Hintergrund. Ieoh Ming Pei fand seine eigene Handschrift, die nicht nur Geometrie und Dynamik verbrüderte, sondern auch Tradition und Moderne.

Spätestens als 1978 der Ostflügel der National Gallery of Art in Washington öffnete, war sein Name und Kürzel I.M. Pei („I am Pei“) in der Fachpresse allgegenwärtig. Mit der Erweiterung des neoklassizistischen Gebäudes konnte Ieoh Ming Pei sein Talent für die Verbindung historischer Bauten mit zeitgenössischer Architektur erstmals beweisen. Als durchgehendes Formelement nutzte er das Dreieck und kreierte unter dem gläsernen Dach des Foyers ein beeindruckendes Lichtspiel.

Preisgekrönte „Poesie“ der Baukunst blieb nicht ohne Gegenwind

„Ieoh Ming Pei hat diesem Jahrhundert einige seiner schönsten Innenräume und äußeren Formen gegeben“, befand die achtköpfige Jury, die dem renommierten Architekten 1983 den Pritzker-Preis verlieh. „Seine Vielseitigkeit und sein Können beim Materialgebrauch nähern sich dem Niveau der Poesie.“

Diese Auffassung teilten aber nicht alle. Sein Entwurf für die Louvre-Pyramide löste bei den Parisern zunächst eine Welle der Empörung aus und wurde von Kritikern als „gigantische Spielerei“ diffamiert. Heute ist der 21 Meter hohe Bau als Besuchermagnet des Louvre kaum mehr wegzudenken und veranlasste Ieoh Ming Pei auch dazu, eine zweite Glaspyramide zu entwerfen: Die Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland öffnete im Jahr 1995.

Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland. Quelle: IowaPublicTelevision / YouTube

Der „Meister des Lichts“ auf dem Gipfel seines Schaffens

Im Zenit seines Schaffens war Ieoh Ming Pei nicht länger auf den Wettbewerb öffentlicher Ausschreibungen angewiesen. Wie beim Louvre-Projekt wurde der Stararchitekt 1998 auch direkt mit dem Anbau für das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin beauftragt. Das barocke Zeughaus im historischen Stadtzentrum sollte eine zeitgemäße Ergänzung finden.

Die Kritik an Peis hochmodernem Konzept und der wettbewerbsfreien Auftragsvergabe verstummte, als sich 2003 die Einweihung des spiralförmigen Treppenhauses näherte und die filigrane Glas- und Stahlkonstruktion im Ausstellungstrakt ihre einzigartigen Lichteffekte offenbarte.

Eines seiner letzten Großprojekte war das 2008 eröffneten Museum of Islamic Art (MIA) in Katar. In der islamischen Architekturwelt konnte der „Meister des Lichts“ seiner Kreativität für kunstvolle Licht- und Schattenspiele einmal mehr freien Lauf lassen.

Ieoh Ming Pei liebte Tradition und Moderne.
Ieoh Ming Pei sorgte für Aufmerksamkeit mit filigraner Glasarchitektur.
Ieoh Ming Pei präsentiert seine Glaskunst weltweit.

Mehr als moderne Architektur: Ieoh Ming Pei und das Bauhaus-Erbe

Neben unzähligen Kulturbauten kann Ieoh Ming Pei auch ein respektables Portfolio kommerzieller Bauwerke vorweisen. Erst allein, später mit mehreren Partnern und zeitweilig rund 300 Mitarbeitern seines Architekturbüros betreute Pei mehr als 200 Großprojekte in aller Welt. Vor allem bei den Entwürfen seiner Büro- und Verwaltungsbauten, Bibliotheken und Hotels ist der Einfluss alter Bauhausmeister wie Mies van der Rohe spürbar.

Deshalb beleuchtet aktuell auch das Projekt bauhaus imaginista im Rahmen des 100. Bauhaus-Jubiläums die Anfänge des chinesisch-amerikanischen Architekten – nicht nur als Schüler von Gropius, sondern auch als Vermittler zwischen der chinesischen Bautradition und westlichen Moderne.

In mehr als einem halben Jahrhundert seines Schaffens hat der Pritzker-Preisträger ein ebenso umfangreiches wie vielseitiges Erbe hinterlassen. Gerade deshalb lohnt sich ein geschärfter Blick auf die Wurzeln und Verzweigungen im Lebenswerk von Ieoh Ming Pei.

Welches Bauwerk von Ieoh Ming Pei hat Sie besonders beeindruckt und wird Ihnen noch lange in Erinnerung bleiben? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

Architektenporträt Design Pritzker-Preis
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