Grüne Architektur: vorausschauend geplant

G-Pulse Redaktion: Wenn von sehenswerten Gebäuden die Rede ist, kommen den meisten Menschen nicht unbedingt Industrie- und Logistikbauten in den Sinn. Was macht gute, ästhetisch ansprechende Industriearchitektur heutzutage aus?

Sauerbruch: Natürlich dienen Industriebauten in erster Linie einem Zweck, und die ästhetische Arbeit der Architekten muss hier in Richtung dessen gehen, was ich als Eleganz bezeichnen würde. Eleganz heißt, Schwieriges leicht erscheinen zu lassen, komplizierte Aufgaben ökonomisch zu lösen, und damit ist nicht nur das Baubudget gemeint.

G-Pulse Redaktion: Um gleich konkret zu werden: Was macht das neue Gira Werk, das Sie mit Ihrem Büro geplant haben, – ganz profan gesagt – schön und ansehnlich?

Sauerbruch: Bei dem Gira Projekt haben wir es mit einem komplexen Gebilde zu tun, das im Wesentlichen aus drei Teilen besteht: Logistik, Produktion und Verwaltung beziehungsweise Entwicklung – also drei sehr unterschiedliche Bereiche, was das Zusammenspiel von Mensch und Maschine betrifft. Bei der Logistik haben wir im Wesentlichen um Anlagen herum geplant, die andere konzipiert haben. Der Produktionsbereich bedarf vor allem großer Flexibilität für die Fertigungsmaschinen. Im Bürobereich geht es in erster Linie um zwischenmenschliche Kommunikation.

Es ist nun eine Frage, was man unter Schönheit versteht. Wir finden z.B. die Tatsache sehr schön, dass alle diese Bereiche gleichmäßig gute Arbeitswelten werden, die freundlich und von Tageslicht durchflutet sein werden. 

Wir kämpfen sehr darum, dass auch die ganze Technik – von der es nicht zu wenig gibt – in die Raumkonzeptionen integriert wird, sodass bei aller notwendigen Funktionalität der Mensch letztlich im Vordergrund steht. Wir haben großen Wert darauf gelegt, dass diese Räume, die von allen benutzt werden, bei aller angemessenen Sachlichkeit, eine Großzügigkeit und ein gewisses Drama haben, sie also schon ein besonderes Gefühl vermitteln, sobald man bei Gira zur Türe hereinkommt.

G-Pulse Redaktion: Ihr Büro ist unter anderem für seine ausgefeilten Farbkonzepte vor allem bei der Fassadengestaltung bekannt. Das Corporate Design von Gira hingegen setzt auf Weiß, Schwarz und edle Grautöne. Wie haben Sie hier zueinander gefunden?

Sauerbruch: Unser Bemühen ging zunächst in zwei Richtungen: Einerseits wollten wir die drei Bereiche des Komplexes mit einer durchgehenden Gestaltung zusammenfassen, andererseits versuchen wir, mit einer farblich oszillierenden Oberfläche die großen Volumina aufzulösen und dem Ganzen ein Erscheinungsbild zu geben, das changiert und sich in unterschiedlichsten Lichtsituationen immer wieder verändert. Die Außenhaut besteht aus vier Grautönen von dunkel bis hell, und es gibt Oberflächen, die metallisch sind, die also das Licht stärker reflektieren. Einfache Volumetrie und ein immer wiederkehrender Rhythmus werden also durch changierende Tonalität und wechselnde Lichteffekte kontrapunktiert. Davon versprechen wir uns ähnliche Effekte, wie wir sie mit unseren farbigen Fassaden erreichen: nämlich ein optisches Spiel, das die tatsächliche physische Präsenz eines Bauvolumens moduliert, verändert und bis zu einem gewissen Grad auflöst. Die Tatsache, dass wir hier nur mir Grautönen arbeiten, tut der räumlichen Wirkung keinen Abbruch und ist in der Landschaft wahrscheinlich dezenter als eine prägnante Farbkomposition. 

Modell des Gira Neubaus

Der Grundstein für den Neubau ist gelegt. Fertigstellung in 2018, Quelle: Sauerbruch Hutton.

G-Pulse Redaktion: Für Gira ist es enorm wertvoll, dass es mit dem Projekt möglich ist, die gesamte Wertschöpfungskette von Entwicklung, Fertigung, Eingangs- und Ausgangslogistik in einem Gebäudekomplex zusammenzufassen. Inwieweit trägt die Gebäudearchitektur dazu bei, dass dieses Zusammenwirken der vier Bereiche optimal funktioniert?

Sauerbruch: Der Innenraum des Gebäudeensembles ist durch ein Erschließungskreuz gegliedert. In Längsrichtung gibt es eine Art Hauptstraße, die alle Teile der Fabrik verbindet. In Querrichtung gibt es einen kurzen Erschließungsarm, der diagonal durch die drei Ebenen des Gebäudes durchsticht. Dieser Arm verbindet den Eingang mit den Personalumkleidebereichen, der Verwaltung und Entwicklung sowie nicht zuletzt die Bereiche der Gastfreundschaft wie Empfang, Konferenz und die Kantine für alle.

Im Gebäudeschnitt greifen die Bereiche Produktion und Verwaltung ebenfalls direkt ineinander, um die gewünschte enge Verbindung herzustellen; das lässt sich in diesem Bereich auch an der Fassade ablesen, wo der obere und der untere Teil wie Zahnräder ineinandergreifen.

G-Pulse Redaktion: Welche weiteren Herausforderungen galt es bei der Planung zu meistern, und wie haben Sie dies geschafft?

Sauerbruch: Die Hauptherausforderung bei der Planung war letztlich – wie fast immer – eine Frage der Kommunikation. Wie kann man aus unterschiedlichsten Sichtweisen und Erwartungen ein gemeinsames Gebilde synthetisieren. Da gab es nicht nur die üblichen Anforderungen von Baugesetzen, Kosten und Terminen zu berücksichtigen, sondern da traf natürlich die sachlich-funktionale Herangehensweise der Ingenieure mit der eher an der sinnlichen Wahrnehmung geschulten Vorstellungswelt der Architekten zusammen. Wie immer bei solchen Prozessen lief das nicht ohne Konflikte – letztlich war dieser Dialog jedoch sehr konstruktiv.

G-Pulse Redaktion:Ihr Büro hat sich sehr konsequent nachhaltigem Bauen verschrieben – ein Aspekt, der auch Gira sehr wichtig ist. Wie tragen Sie dem in diesem Projekt Rechnung?

Sauerbruch: Wir haben hier wie in anderen Projekten sehr eng mit der Haustechnik – dem Büro TEN – und vor allem dem Klimaingenieur Professor Probst zusammengearbeitet, der ein umfangreiches Programm zur Verringerung von Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß auf den Prüfstand gestellt hat. Am Ende kam dabei ein sehr vernünftiges Konzept heraus, das z.B. die Kraft-Wärmekopplung in einem Blockheizkraft vorsieht. Wir machen also unseren eigenen Strom aus Erdgas und verwenden die anfallende Wärme für die Heizung und Kühlung.

Dasselbe gilt für die Abwärme aus den Industrieprozessen selbst, die nicht einfach in die Außenluft geblasen, sondern wiederverwendet wird. Dabei wird der ohnehin notwendige Sprinklertank als Wärmespeicher genutzt, der saisonale Unterschiede auffangen kann. Wir nutzen also alle anfallende Abwärme und vermeiden übermäßige Kühllasten zum Beispiel durch natürliche Nachtlüftung. Bei der Kühlung wiederum wird mit dem Einsatz von Hybridkühlern gearbeitet, die die Außenluft als Wärmequelle verwenden – ein Verfahren, das den CO₂-Abdruck reduziert. Alles in allem wird nur die Hälfte des maximalen CO₂-Ausstoßes anfallen, den uns die Energieeinsparverordnung vorschreibt. Mit anderen Worten: Gira ist hier immer noch seiner Zeit voraus.

G-Pulse Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

Der Startschuss für die Bauarbeiten ist gefallen. Was halten Sie von dem Konzept hinter dem neuen Gira Gebäude? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

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