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Florence Knoll: Ein Nachruf auf die Visionärin moderner Raumplanung

Die Innenarchitektin, Designerin und Unternehmerin Florence Knoll ist am 25. Januar 2019 im Alter von 101 Jahren gestorben. Sie gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen der amerikanischen Nachkriegszeit, die dem Möbelhersteller Knoll zu Weltbekanntheit verholfen hat. Sie entwickelte die Idee offener Bürokonzepte, die heute als Grundlage moderner Büroplanung dient.

Lebensstationen auf dem Weg zur modernen Architektur

So berühmt die Designerin Florence Knoll zeitlebens geworden ist, so tragisch beginnt ihr Lebensweg.

Sie wird unter dem Mädchennamen Schust am 24. Mai 1917 im amerikanischen Michigan geboren. Mit 12 Jahren verliert sie beide Eltern und kommt an die renommierte Schule Cranbrook Academy of Art, wo sie den Leiter der Einrichtung, Eliel Saarinen, und seinen Sohn Eero Saarinens kennenlernt. Schust entwickelt eine enge Beziehung zur Familie, begleitet sie auf Reisen nach Europa und lernt Designer und Architekten wie Le Corbusier, Frank Lloyd Wright und Alvar Aalto kennen.

Florence Knoll
Florence Knoll
Florence Knoll

Florence Knoll und die Bauhaus-Designer

Die frühen Kontakte zu den Gestaltern moderner Architektur prägen ihren beruflichen Werdegang. Sie widmet sich nach dem Schulabschluss dem Studium der Architektur in Amerika und Europa. Wichtigen Einfluss auf Florence nehmen die Bauhaus-lehrenden Walter Gropius, Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe, unter denen sie studiert und arbeitet.

1941 lernt sie den deutschen Unternehmer Hans Knoll kennen. Der Stuttgarter Möbelhersteller war in die Staaten gekommen, um hier die europäische Idee des Möbeldesigns bekannt zu machen. Florence steigt nicht nur ins Unternehmen ein, sondern heiratet Hans Knoll auch fünf Jahre später. Eine Partnerschaft, die Knoll zum erfolgreichsten Möbelunternehmen der amerikanischen Moderne machen wird.

Florence Knoll definiert gelungenes Design ebenso wie die Bauhaus-Denker als Einheit von Handwerk, Kunst und Architektur. Doch sie geht einen Schritt weiter, indem sie die Bauhaus-Idee auf den Bereich der Raumplanung überträgt. Für sie bilden auch Räume und die dazugehörigen Möbel eine untrennbare Einheit.

Während Designer sonst versuchten, leere Räume mit Mobiliar und Accessoires zu füllen, konzentriert sich Knoll auf den praktischen Nutzen eines Raumes mit einer stimmigen Einrichtung. Im Unternehmen baut sie zu diesem Zweck eine eigene Planungsabteilung auf, mit der sie ihre Raumkonzepte für Großraumbüros und Wohnräume umsetzt.

Knoll entwirft das offene Großraumbüro

Einer der Höhepunkte ihrer Schaffenszeit sind die offenen Bürokonzepte, die sie für Konzerne wie IBM oder General Motors entwickelt. Statt dunkler Büroräume übernehmen in Open-Plan-Offices Stellwände und Möbelgruppen die Funktion von Wänden. Schwere Schreibtische und Stühle werden durch leichtes Mobiliar ersetzt. Dazu setzt Knoll Farben, Materialien und Texturen ein, welche die Großraumbüros in kleine Einheiten strukturieren. Als sie die Textilabteilung bei Knoll gründet, holt sie bekannte Designerinnen wie Anni Albers oder Gunta Stölzl an Bord, die am Bauhaus in den Textilwerkstätten gelernt haben. Ein Meilenstein für die heutige Farbenlehre in der Raumgestaltung.

 
 
Quelle: KnollTextiles / YouTube

Funktionales Industriedesign – stilprägend bis heute

Um Räume mit praktischen Stühlen, Tischen oder Regalen auszustatten, nimmt die Unternehmerin Florence Knoll Kontakt zu den talentiertesten Designern ihrer Zeit auf. Zum Beispiel Eero Saarinen, der lebenslang wie ein Bruder für sie ist und für Knoll den legendären Womb Chair entwirft. Knoll wünschte sich einen Stuhl, der wie ein Korb voller Kissen war. Der Womb Chair verkauft sich bis heute gut.

Auch die Bauhaus-Designer nimmt sie unter Vertrag, erwirbt Patente für exklusive Sitzmöbel: Beispiele dafür sind der Wassily Chair von Marcel Breuer oder der Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe – übrigens das erste lizensierte Produkt des Unternehmens Knoll. Eins von Knolls Auswahlkriterien: Ein gelungenes Möbelstück muss eine ästhetische Formgebung haben und einen sinnvollen Platz im Raumkonzept einnehmen.

Das Florence Knoll Sofa aus dem Jahr 1954 ist eines der Produkte, das aus ihrer Feder stammt. Das Sofa verinnerlicht die strenge, reduzierte Formensprache, die Knoll zeitlebens verkörpert. Auch hier ist der Einfluss des Bauhaus-Meisters Ludwig Mies van der Rohe deutlich zu spüren.

Unternehmerin mit allen Facetten

1955 erlebt Florence Knoll die zweite Tragödie ihres Lebens, als ihr Ehemann Hans Knoll bei einem Autounfall stirbt. Sie übernimmt in der von Männern dominierten Branche die Leitung des Unternehmens und treibt es voran – Markenbildung, Werbung und Messeauftritte inklusive. Drei Jahre später heiratet Knoll den Banker Harry Hood Bassett, nennt sich fortan mit dem Doppelnamen Knoll Bassett. Nachdem sie das Unternehmen 1959 verkauft, besetzt sie bis 1965 noch die künstlerische Leitung bei Knoll. 1961 wird sie als erste Frau vom American Institute of Architects für ihre Arbeit ausgezeichnet.

Florence Knoll
Florence Knoll
Florence Knoll

Eine der großen Visionärinnen des 20. Jahrhunderts ist von uns gegangen. Florence Knoll überzeugte mit spektakulären Bürokonzepten und ihrem Gespür für exklusive Möbeldesigns.

Ein Erbe, das von gradliniger und strenger Formensprache geprägt ist und Potenzial hat, noch viele Generationen zu überdauern.

Welche exklusiven Möbelstücke verbinden Sie mit der Marke Knoll? Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

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