Verhüllungskünstler Christo: Sein Leben und seine Werke

Seine Werke waren meist von kurzer Dauer – Spuren hat der Installationskünstler Christo dennoch hinterlassen. Gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude realisierte er aufsehenerregende Projekte in aller Welt und blieb auch nach ihrem Tod im November 2009 künstlerisch aktiv. Am 13. Juni wäre der gebürtige Bulgare 85 Jahre alt geworden. Laut einer Mitteilung über seinen offiziellen Twitter-Account ist Christo am 31. Mai in New York verstorben.

Christo und Jeanne-Claude: Ein unschlagbares Künstlerehepaar

In Deutschland machte das Künstlerpaar erstmals im Sommer 1995 auf sich aufmerksam, als es das Berliner Reichstagsgebäude vollständig in silberne Stoffbahnen hüllte.

Die Vorbereitungen für den „Wrapped Reichstag" liefen bereits seit 1971. Nach nur zwei Wochen verschwand das Kunstwerk planmäßig und spurlos aus dem Stadtbild. Vergänglichkeit gehörte zum künstlerischen Konzept des Duos. Nur Filmaufnahmen, Skizzen und Fotos erinnern daran, wie sie ganze Gebäude, Parks und Landstriche zeitweilig in Kunstobjekte verwandelten. Eines ihrer frühesten international bekannten Arbeiten waren die „Surrounded Islands“ (1983) vor der Küste Floridas, die Christo mit pinkfarbenem, schwimmendem Polypropylen-Gewebe umrahmte. Jedes seiner Werke war einmalig. Nur die Vorliebe für Stoffe zieht sich wie ein roter Faden durch Christos Lebenswerk.

The Wrapped Reichstag - Künstler Christo verhüllte den kompletten Reichstag mit Polypropylengewebe
Inseln umrahmt durch pinkes Gewebe

Internationale Projekte vom „Meister der Verhüllung“

Ob Küstenstreifen, Berg-Täler oder kilometerlange Gehwege und Zäune: Kein Objekt schien Christo zu abstrakt oder zu groß, als dass es nicht verhüllt werden könnte. Am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn verpackte Christo Gegenstände wie Fahrräder und Autos. Dafür nutzte er einen speziellen Lack, der das Gewebe steif machte und den Objekten einen skulpturalen Charakter verlieh. Bei seinen späteren Arbeiten durften die Stoffe freier fließen. So umspannte er zum Beispiel 1985 rund 41.000 Quadratmeter Fläche der Pariser Brücke Pont Neuf mit Nylon oder umhüllte die Metall-Tore im New Yorker Central Park („The Gates“, 2005) mit safranfarbenen Stoffen.

Zum Besuchermagnet wurden auch die „Floating Piers“ (2016), mit denen Christo zwei Inseln am norditalienischen Iseosee verband. Die schwimmenden Stege bestanden aus 220.000 verankerten Kunststoffwürfeln, die mit rund 75.000 Quadratmetern goldgelbem Stoff überspannt waren. Solche Aktionen des Installationskünstlers wurden zu Großereignissen in der Natur und zogen Menschen aus der ganzen Welt an.

Die Pariser Brücke Pont Neuf komplett mit Nylon überspannt.
Mit der Installation „Floating Piers“ verband Christo zwei Inseln am norditalienischen Iseosee.

„Land Art“ und freie Kunst gegen das Besitzbürgertum

Staatliche Gelder nahm Christo trotz der meist kostspieligen Unterfangen nie an. Dass er auf Unabhängigkeit bestand, geht vor allem auf seinen familiären Hintergrund zurück. 1935 im bulgarischen Gabrovo als Christo Vladimirov Javacheff geboren, erlebte er, wie das Familienunternehmen nach dem Krieg verstaatlicht und sein Vater vom kommunistischen Regime schikaniert wurde. Nach dem Studium an der Akademie der Künste in Sofia verließ Christo 1957 das Land und lernte ein Jahr später in Paris die gleichaltrige Jeanne-Claude kennen.

Nach Wohnorten in Prag, Wien und Genf zog Christo schließlich nach New York und nahm 1973 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Freiheit hatte er bis zu dieser Zeit als hohes Gut zu schätzen gelernt. So behandelte er auch seine Kunst, die nicht käuflich war. Mit dem Grundgedanken der damals aufkommenden „Land Art“, geografische Räume in frei zugängliche Kunstwerke zu verwandeln, protestierte er gegen das Besitzbürgertum.

Verhüllungskünstler Christo im Portrait

Künstler Christo als unermüdlicher Visionär

Für die Umsetzung ihrer öffentlichen Großprojekte musste das Künstlerehepaar oft große bürokratische und politische Hürden überwinden. Die Auseinandersetzungen und langwierigen Prozesse betrachteten sie als Teil ihrer Kunst. Mehr als 30 Projekte blieben wegen Protesten von Umweltschützern, Politikern oder Bewohnern der jeweiligen Schauplätze nur eine Idee. Das Mammut-Projekt Mastaba im Wüstensand von Abu Dhabi ist bisher eine unvollendete Vision des Künstler-Duos.

Bereits 1977 konzipierten Christo und seine Frau die 150 Meter hohe Pyramide, die sich aus Ölfässern am Persischen Golf auftürmen soll. Eine kleine Version dessen konnte Christo vor zwei Jahren in Großbritannien umsetzen. Die schwimmende Pyramide Mastaba im Londoner Hyde Park gab mit 20 Metern Höhe und 7.506 bunt bemalten Metallfässern einen Eindruck von der Dimension des Originalentwurfs.

Bis zuletzt hat der 84-Jährige an weiteren Verhüllungsprojekten gearbeitet. Im nächsten Jahr wird seine jüngste Idee realisiert:

Vom 18. September bis zum 3. Oktober 2021 können Besucher den Pariser Triumphbogen Arc de Triomphe in einem weiteren Gewandt von Christo entdecken, bevor sein vermutlich letztes Kunstwerk wieder spurlos verschwindet.

Sind Ihnen andere Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude im Gedächtnis geblieben oder haben Sie sogar ein Lieblings-Kunstwerk? Teilen Sie es mit uns in den Kommentaren.

Architektenporträt Stadtplanung
Kommentare
WP
Walter Porten 09.07.2020  |  14:11
Antworten

In der vorigen Woche war ich in Berlin und habe mir auch die Christo und Jean Claude Ausstellung im Palais Populaire angeschaut. Ich war total begeistert und fastziniert von diesem genialen Künstlerpaar. Eine Ausstellung die man nichtversäumen sollte !

GR
G-Pulse Redaktion 13.07.2020  |  17:18

Hallo Herr Porten,
das glauben wir gerne. Die beiden haben echt spannende und faszinierende Projekte realisiert. Vielen Dank für den Tipp!
Liebe Grüße
Ihre G-Pulse Redaktion

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Kommentare (1)

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