Die rohe Kunst der Architektur: Brutalismus

Schroffe Gemäuer, wuchtige Wohnschiffe und mächtige Kulturstätten: die Gebäude, denen das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt aktuell eine Ausstellung widmet, beeindrucken, haben aber einen „Makel“: Sie sind aus Beton. Mit dieser Eigenart eckt der Brutalismus seit der ersten Stunde an – und ist mittlerweile sogar so bedroht, dass eine Initiative zum Erhalt der ungeliebten Beton-Riesen gestartet wurde.

Was ist Brutalismus?

Die Ausstellung SOS Brutalismus - Rettet die Betonmonster gibt einen bisher einmaligen Überblick zum Erbe des vermeintlich protzigen Baustils und möchte zugleich mit Vorurteilen aufräumen. „Béton brut“, zu Deutsch „Sichtbeton“, beschreibt nicht nur das offensichtlichste Merkmal des Brutalismus, sondern auch dessen Haltung: Er kokettiert nicht mit einer schönen Verkleidung, sondern steht zu dem, was er ist: authentisch. Anfang der 1950er Jahre begannen Architekten wie Alison und Peter Smithson das rohe, unverputzte Material als vollwertiges Gestaltungsmittel zu würdigen. Ihnen voraus eilte der französische Konstrukteur Le Corbusier: Er prägte ab 1947 das Stadtbild von Marseille mit seinen grauen Wohnklötzen Unité d’Habitation und zementierte damit den Weg für einen Baustil, der als „Brutalismus“ um die Welt ging.

Experimentell: Brutalismus Architektur erfindet neue Formen

Mit seiner scheinbar unvollendeten und groben Ästhetik genoss der Brutalismus keinen guten Ruf. Dennoch türmten sich seine als „Betonwüsten“ diffamierten Zeugnisse zwischen 1955 und 1979 rund um den Globus auf.

 

Dieses Phänomen erklärt sich unter anderen durch einen praktischen Nebeneffekt des Betonbaus: Das formbare Gussmaterial bot Architekten ganz neue Möglichkeiten der plastischen Gestaltung. Konstrukteure erschufen nun Skulpturen und erfanden experimentelle Gebäudeformen, mit denen sie dem Brutalismus einzigartige Denkmäler setzten.

Robust und präsent: Betonschiffe mit Symbolkraft

Diese neu gewonnenen Freiheiten nutzte zum Beispiel der amerikanische Architekt William Pereira, als er 1965 die Bibliothek der University of California in San Diego entwarf. An prominenter Stelle des Campus thront nun die Geisel Library auf stählernen Betonpfeilern und scheint mit ihren gläsernen Auskragungen der Kulisse eines Science-Fiction-Films entsprungen zu sein. Der geometrische Gigant präsentiert sich nicht einfach als zweckmäßiges Gebäude, sondern als monumentales Statement. Auch in Japan nahm die Baukunst durch Brutalismus Architektur neue Dimensionen an. So strotzt zum Beispiel das Internationale Konferenzzentrum in Kyoto mit seiner massigen Ästhetik vor Beständigkeit. Der Architekt Sachio Otani „verpflanzte“ den einschüchternden Mega-Komplex im Jahr 1963 auf Stahlbetonstützen in die grüne Landschaft und bettete ihn in eine Gartenanlage mit Betonwegen ein.

Impressionen des Brutalismus

Brutalismus Architektur par Excellence in Israel
Einblick in die Brutalismus Architektur des Ben Gurion Gebäudes.
Roh, brutal und authentisch: Brutalismu Architektur
Brutalismus Architektur in Triest.
Brutalismus Architektur - oftmals verschrien als brutalistische Sünde.
Brutalismus Architektur in London.

Betonkolosse gegen den Wohnungsmangel

Vor allem in Europa entstanden mit dem Brutalismus auch innovative Konzepte für den Sozialen Wohnungsbau. So wuchsen zum Beispiel im Pariser Stadtviertel Créteil die stämmigen Betonblüten des Architekten Gérard Grandval aus der Erde. Auf 15 Stockwerken der zehn Rundtürme scheinen sich die gewölbten Balkone sprossenartig abzublättern. Wegen dieser „auswuchernden“ Erscheinung werden die Wohnzylinder bis heute als „Kohlköpfe“ belächelt, sind seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1974 aber dennoch eine architektonische Attraktion. Ebenso verspottet und kritisiert wurde die Londoner Wohnsiedlung Alexandra Road Estate, deren weißer Stahlbeton seit 1972 eine ganze Straße in Camden „ziert“. Mittlerweile steht das 300 Meter lange Terrassenhaus unter Denkmalschutz und ihr Architekt, der Brite Neave Brown, wurde 2017 für sein Lebenswerk mit dem höchsten britischen Architekturpreis geehrt: der RIBA-Goldmedaille.

 

Sakraler Brutalismus: Kirchenbau der Stein-Zeit

Im Gegensatz zu den „Wohnbunkern“ hatte es die sakrale Brutalismus Architektur etwas leichter. Hier schien die elementare Baukunst moralisch gut und aufrichtig. Materialien wie Glas, Stahl und Stein rundeten die natürliche Ästhetik ab und „erdeten“ die Konstruktion. Auch dafür gab Le Corbusier 1955 mit seiner Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp den Anstoß. Es folgten gewaltige Kirchenbauten wie der steinige Mariendom von Neviges, der sich 1963 nach einem Entwurf von Gottfried Böhm im nordrhein-westfälischen Velbert auftürmte.„Hässlich“ empfinden viele Betrachter den Brutalismus noch immer. Im herkömmlichen Sinne gefallen, wollte er aber nie. Seine Schönheit liegt in der reinen Konstruktion, die sich hinter keiner Fassade verstecken will. In dieser Natürlichkeit sind brutalistische Bauwerke konsequent und radikal, aber eben auch uneitel, ehrlich und bis heute ein Vorbild moderner Architektur.   Wenn Sie sich von den bedrohten Relikten des Brutalismus ein Bild machen möchten, können Sie die Ausstellung SOS Brutalismus im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt noch bis zum 2. April 2018 besuchen.  

 

Überflüssige Bunker oder wertvolle Monumente zeitgenössischer Architektur? Schreiben Sie uns, was Sie von der Baukunst des Brutalismus halten.

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