Frauen in der Architektur: Fünf berühmte Architektinnen und ihre Werke

Frauen stellen im Rahmen des Architekturstudiums heute die Mehrheit der Studierenden. Trotzdem setzen sich bis heute nur wenige Frauen in diesem Beruf durch. Anfang 2018 betrug der Anteil der männlichen Architekten und Stadtplaner laut Statista rund 66 Prozent. Doch bis heute haben Frauen in der Baugeschichte bewiesen, dass sie sich nicht hinter ihren männlichen Kollegen zu verstecken brauchen.

Irische Moderne: Eileen Gray (1878-1976)

Eileen Gray war eine irische Architektin und Designerin der klassischen Moderne. Ihre Entwürfe haben einen funktionalen Charakter und erinnern stark an die Designs von Mies van der Rohe oder Marcel Breuer. Ihr berühmtester Entwurf: Der „E-1027 Adjustable table“ - ein aus Stahlrohr geformter, höhenverstellbarer Tisch aus dem Jahr 1927.

Eileen Gray wird in Irland geboren, wo es sie jedoch nicht lange hält. Zum Studium der Architektur und Kunst zieht sie nach London und später Paris. Hier lernte sie die Arbeit mit Farben und Lacken kennen, für deren Designs sie später auch bei ihren Kunden bekannt wird. Doch Eileen Grey arbeitet ebenfalls als Architektin. Sie baut zwar nur wenige Häuser, setzte aber mit ihrem avantgardistischen Gebäudeentwurf E-1027 in Roquebrune an der Côte d’Azur einen Maßstab für klassische Moderne.

In dem Wohnhaus, das zwischen 1925 und 1929 entsteht, verzahnt sie Innenräume und Natur auf das Engste. Der L-förmige Flachdachbau mit den raumhohen Fenstern liegt direkt am Meer und soll den Bewohnern trotz der offenen Architektur individuelle Rückzugsorte ermöglichen. Den berühmten Stahltisch entwirft sie ebenso wie viele Einbauschränke speziell für dieses Haus.

Quelle: Bauhaus Möbel & Designermöbel / YouTube

Im Schatten von van der Rohe: Lilly Reich (1895 – 1947)

Die deutsche Lilly Reich ist historisch betrachtet eine wenig erwähnte Designerin, obwohl sie die moderne Baukunst des Architekten Ludwig Mies van der Rohe maßgeblich mitgeprägt hat. Von 1926 an arbeitete sie über zehn Jahre mit ihm zusammen – unter anderem am Barcelona-Pavillon, dem Ausstellungspavillon des Deutschen Reichs auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona.

Der berühmte Bau setzt bauliche Maßstäbe, indem er Innen- und Außenräume von innen nach außen dreht, auf geschlossene Räume verzichtet und durch Glas, Stahl und Marmor überzeugt.

Die Innenausstattung entsteht in enger Zusammenarbeit mit Lilly Reich, wird heute allerdings meistens van der Rohe alleine zugeschrieben.

Lilly Reich wird 1885 in Berlin geboren, bevor sie nach dem Abitur nach Wien zieht, um den Beruf der Kurbelstickerin zu erlernen. 1911 kehrt sie nach Berlin zurück, arbeitet als Möbeldesignerin und wird Mitglied beim Deutschen Werkbund, der sie 1920 zur Direktorin ernennt. Nach dem Krieg arbeitet Lilly Reich als Dozentin für Innenarchitektur und Bautheorie an der Universität der Künste Berlin und führt bis zum Tod ihr eigenes Atelier dort.

Quelle: UE4 Architecture / YouTube

Brasilianische Baukunst mit zeitgenössischem Touch: Lina Bo Bardi (1914 – 1992)

Lina Bo Bardi wird unter den Namen Achillina Bo im italienischen Rom geboren, studierte an der Facoltà di Architettura in Rom und beendet ihr Studium 1939 mit einem Diplom. 1946 heiratet sie den Kunsthändler Pietro Maria Bardi und wandert mit ihm nach Brasilien aus. Dort beginnt sie, für die Entwicklung der modernen Architektur eine wichtige Rolle zu spielen. Wie kaum jemand sonst verbindet sie die schwere Formensprache mit überraschend leichten Elementen und verknüpfte so das Erbe brasilianischer Baukunst mit zeitgenössischen Aspekten. Ihre Philosophie: Architektur muss immer einen sozial geprägten Raum für internationales und kulturelles Zusammenleben schaffen.

Schon ihr erstes Bauprojekt, das „Casa de Vidro“ (das gläserne Haus) gilt bis heute als Ikone der modernen Architektur in Brasilien. In dem Bau mit der imposanten Glasfassade, die auf Säulen zu schweben scheint, lebte die Architektin 40 Jahre lang mit ihrem Mann. Eines ihrer wichtigsten Projekte ist auch die Fabrikanalage SESC Pompeia in Sao Paolo, die sie 1982 zu einem Kultur- und Sportzentrum umbaute. Das Gebäude mit mehreren Betontürmen ist durch verschiedene Gänge verbunden. Die Fassade zeigt anstelle von Fenstern nur Luftausgänge mit asymmetrischen Formen.

„Die Freiheit des Künstlers war schon immer individuell, aber wahre Freiheit kann nur kollektiv sein. Eine Freiheit, die sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist und die die Grenzen der Ästhetik überwindet.“ - Lina Bo Bardi

Quelle: itaupersonnalite / YouTube

Facettenreiches Bauen und lebendige Nachbarschafen: Jane Jacobs (1916 – 2006)

Die amerikanische Architekturkritikerin Jane Jacobs wird in Scranton/Pennsylvania geboren und beschäftigt sich zeitlebens mit der zeitgenössischen amerikanischen Stadtplanung, die sie heftig kritisiert. Dort nämlich fielen ganze Stadtviertel mit vorhandener, gewachsener Bausubstanz Flächensanierungen zum Opfer, um sie durch hochstöckige Bauten mit gleicher Fassade zu ersetzen.

Ökonomisch und kulturell war dieser Wandel für Jacobs eine Katastrophe, die sie in ihrem berühmten Werk „The Death and Life of Great American Cities“ 1961 erörtert. Sie fordert eine gemischte Bebauung mit möglichst facettenreicher Bandbreite verschiedener Gebäude. Sie sollten lebendige Nachbarschaften und Zusammenleben ermöglichen – eine These, die bis heute architektonische Relevanz hat.

Die irakische Ikone: Zaha Hadid (1950 – 2016)

Wer kennt sie nicht, die organisch anmutenden Entwürfe der Architektin Zaha Hadid. Ihr Baustil ist kinetisch und fließend, wie nicht nur Branchenexperten, sondern sie selbst ihren Stil beschreibt. Ihre futuristischen Gebäude aus Zement, Stahl oder Glas sind urbane Entwürfe großer Metropolen und überall auf der Welt zu finden. Auch in Deutschland war Hadid lange aktiv.

1993 realisierte sie ihren ersten Entwurf mit dem Feuerwehrhaus des Vitra-Werks in Weil am Rhein – ein später Durchbruch in der Architektur. Denn ihre Kritiker empfinden ihre Entwürfe bis dahin als unmöglich und bautechnisch unrealistisch. Im Fall der Feuerwache laufen die Betonwände in einem spitzen Winkel auf den Haupteingang zu und geben dem Gebäude damit seinen Charakter. Extrem und fast schwerelos wirkt auch Zaha Hadis phæno in Wolfsburg, das ein interaktives, naturwissenschaftliches Museum beheimatet und zwischen 2001 und 2005 entstand.

Das Phaeno von Zaha Hadid in Wolfsburg
Das Phaeno von Zaha Hadid in Wolfsburg
Feuertornado im Phaeno in Würzburg
World Architecture Festival

Zaha Hadid wird 1950 in Bagdad geboren und wächst dort in einer Familie mit westlichem Lebensstil auf. Nachdem Hadid Mathematik an der American University of Beirut studiert, lernt sie von 1972 bis 1977 Architektur an der Architectural Association School (AA) in London. Großbritannien blieb für sie zeitlebens ihre Wahlheimat.

In den letzten Jahren ihrer Schaffenszeit werden Zaha Hadids Entwürfe fließender – die organische Formensprache findet sich auch in ihren Entwürfen für Möbel wieder.

Eines ihrer letzten Werke ist das spektakuläre Reinhold-Messner-Museum auf der Bergspitze des Kronesplatzes in den Dolomiten. Das Gebäude, das sich ganz natürlich in die Bergwelt einfügt, wird in einer Höhe von 2.275 Metern errichtet – zum Teil unterirdisch. Ausgestattet ist dieses architektonische Meisterwerk mit Gira Gebäudetechnik, unter anderem dem Schalterprogramm Gira E22.

2004 erhält Zaha Hadid den bedeutenden Pritzker-Architektur-Preis. 2016 stirbt sie überraschend.

Sie kennen außergewöhnliche Gebäude oder Möbelstücke der berühmten Architektinnen? Welches ist Ihr persönlicher Favorit?

Architektenporträt Architektur Design
Ken Ulrich 20.06.2018  |  11:48

Na, da fehlt aber definitiv die Japanerin Kazuyo Sejima von Sanaa, immerhin pritzker preisträgerin.

Ulrich Plate 20.06.2018  |  17:03

Und wir wollen Ludmilla Herzenstein nicht vergessen, Ex-Mitarbeiterin von Hans Scharoun und Architektin der Laubenganghäuser, die im Unterschied zum Rest des Aufbauprogramms an der Stalinallee noch ganz in der Tradition des Neuen Bauens stehen.

Kommentare (2)

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