Dem Himmel so nah: Architektur der Extreme

Wer glaubt, Bergsteigen hätte nur seine Reize für Abenteurer und Extremsportler, der irrt. Auch Architektur-Fans staunen nicht schlecht, wenn bei dünner Luft in eisiger Höhe spektakuläre Bauwerke der Schwerkraft, Geologie und dem Klima trotzen. Wir zeigen Ihnen drei Meisterleistungen, für die sich der Aufstieg besonders lohnt.

Massiver Fels unter einer Schneedecke, karge Steinwände und eisig peitschender Wind in über 3.000 Höhenmetern: Wer aus eigener Kraft bis hierhin gekommen ist, sucht vor allem Erholung vom Kampf gegen die Elemente – und findet diese nicht etwa in einer klapprig-maroden Berghütte, sondern hinter den schützenden Wänden ehrwürdiger Baukunst. Denn: Auch in dieser unwirtlichen Umgebung hat es innovative Architektur bis ganz nach oben geschafft.

Auf dem Gipfel der Architektur: Wenn die Sanierung zur „Choreografie“ wird

Wer im Schneechaos auf 3.450 Metern Höhe bei Temperaturunterschieden von bis zu 40 Grad und Windgeschwindigkeiten mit bis zu 215 Stundenkilometern an den Bau einer Immobilie denkt, muss die Herausforderung schon sehr lieben. Genau darin scheint der französische Architekt Jaques Félix-Faure seine Bestimmung gefunden zu haben. Mit seinem dritten Alpin-Projekt widmet sich der passionierte Bergsteiger der Sanierung der 1911 erbauten Schutzhütte Refuge de L‘Aigle.

Diese trotzt nur knapp 500 Meter unter dem Gipfel des La Meije im französischen Naturpark Écrins seit Jahrzehnten den rauen Gesetzmäßigkeiten des Berges.

Ein neues Fundament und eine zusätzliche Holzummantelung verleihen dem musealen Charakter der Altsubstanz nun neue Stabilität und einen modernen „Anstrich“. So integriert sich die Schutzhütte mit steingrauen Paneelen als Fassaden- und Dachverkleidung optisch nahtlos in die zerklüftete Berglandschaft. Per Helikopter wurden die am Boden zusammengebauten Teilkonstruktionen in 650-Kilogramm-Paketen auf den Gipfel geschafft – ein Projekt, dessen Realisierung eine „perfekte Choreografie“ aller Beteiligten erforderte, beschreibt es Félix-Faure.

Damit nichts von der Schönheit des Panoramas ablenkt, präsentiert sich auch das Innere der Schutzhütte puristisch wie in einem U-Boot: Auf 65 Quadratmetern können sich bis zu 30 Abenteurer auf drei Schlafebenen zurückziehen, zwölf weitere Kletterer finden in Hängenetzen Platz und wohlverdiente Ruhe, um Kraft zu tanken.

Architektur der Extreme

Die Schutzhütte Refuge de L‘Aigle, Quelle: Prefa

Schutz über den Wolken: Moderne Holzhütte in den slowenischen Alpen

Auch für Gipfelstürmer auf dem slowenischen Skuta Berg wird das Rasten zum Erlebnis. Hier thront am Hang eines abschüssigen Geländes eine Hütte, die sich am traditionellen Architekturerbe Sloweniens orientiert. Form und Material sind perfekt darauf ausgelegt, dem extremen Bergklima in der rauen, schwer zugänglichen Umgebung Widerstand zu leisten. Dennoch bietet der moderne Bau neben dem rustikalen Holz-Interieur noch einige Extras: Durch die großen Fensterfronten genießen Bergsteiger den Blick auf eine scheinbar endlose, watteweiche Wolkendecke oder bei klarem Wetter die Sicht auf die Tallandschaft.

Bis zu acht Besucher können es sich in der dreigeteilten Hütte gemütlich machen. Dafür ist der Eingangsbereich mit einem Kochplatz ausgestattet, in der Mitte befinden sich Sitz- und Liegeflächen, während im hintersten Teil Stockbetten untergebracht sind.

Das Projekt entstand 2014 im Rahmen eines Seminars der Harvard University, Graduate School of Design. Von zwölf Entwürfen wählten die Experten vom OFIS-Architekturbüro ein Design aus, um es mit Hilfe von professionellen Bergsteigern und (schwindelfreien) Ingenieuren zu realisieren. Auch hier wurden die modularen Bauteile für das Holzgerüst per Hubschrauber geliefert und vor Ort zusammenmontiert.

Baukunst über den Gipfeln

Quelle: ALPINE SHELTER SKUTA / OFIS architects

Wie vom Himmel gefallen: ein energieautarker Hüttenkoloss

„Irgendwie schräg“ ist wohl der erste Gedanke beim Anblick einer Berghütte in der Hohen Tatra der Slowakei. Als wäre ein Würfel vom Himmel gefallen und mit seiner Spitze im massiven Gletscherfels versunken, präsentiert sich der Kubus vom tschechischen Architekturbüro Atelier 8000. Im Rahmen der internationalen Ausschreibung Kežmarská Chata entstand der Entwurf dieser quaderförmigen Hütte, die zwischen den schroffen Felsen der Bergkulisse wie eine surreale Erscheinung wirkt. Quadratische Paneele unterteilen die Fassade, die mit Aluminium, Fenstern und Solarpanel verkleidet ist. Die Reflexion der großflächigen Glasoberflächen ähnelt aus der Ferne dem Funkeln eines Bergsees, hat aber vor allem einen funktionellen Zweck: Drei Seiten des Kubus sind so ausgerichtet, dass die Sonneneinstrahlung maximal genutzt werden kann, um Besuchern eine energieautarke Unterkunft zu bieten.

Den Eingang finden Schutzsuchende an der erdenden Würfelspitze, von dem auch eine Schneemobil-Garage, ein Skiraum und Toiletten zugänglich sind. Auf dem Erdgeschoss befinden sich ein Restaurant und Aussichtsdeck, während die oberen Bereiche gemütliche Schlaf- und Erholungsbereiche bieten. Hier lässt sich von überdimensionalen Fensterbänken aus Lärchenholz das beeindruckende Panorama genießen – zumindest, wenn draußen nicht gerade wieder ein Schneesturm wütet.

So manch Bauherr in Spe könnte nun vielleicht über eine Gipfeladresse nachdenken. Wer sich aber nicht unbedingt mit Reinhold Messner messen möchte, sich als Überlebenskünstler sieht oder einen Helikopter-Schein besitzt, findet auch in weniger schwindelerregender Umgebung ebenso innovative Wohnideen und Architektur auf höchstem Niveau.

Koloss in den Bergen

Entwurf aus einem Architektenwettbewerb: die Berghütte Kežmarská Chata in der Hohen Tatra, Quelle: Atelier 8000.

Hören Sie den Berg schon rufen? In welcher Hütte möchten Sie am liebsten beim nächsten Gipfelaufstieg einkehren? Wir sind gespannt auf anregende Kommentare.

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