Bauhaus-Frauen: Ikonen der zweiten Reihe

Als das Bauhaus 1919 seine Toren öffnet, ist die Lehranstalt eine der ersten ihrer Zeit, die Frauen zur Ausbildung zulässt. Die Fachbereiche der Schule reichen von Architektur über Malerei, Weberei und Fotografie bis hin zu klassischem Handwerk. Die Bauhaus-Maxime des Gründers Walter Gropius lautete:

"Jede Person soll ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder Begabung aufgenommen werden."

Viele talentierte Studentinnen schrieben sich damals motiviert ein, zu Beginn sogar mehr Frauen als Männer – bekannt sind bis heute aber nur wenige der Bauhaus-Frauen. Die meisten standen stets im Schatten ihrer männlichen Kollegen.

Bauhaus-Frauen: Zwischen Gleichberechtigung und Realität

Obwohl das Bauhaus sich sehr fortschrittlich präsentiert, trügt der Schein der Gleichberechtigung. Die Bauhaus-Frauen werden trotz des Grundprinzips nicht gleichbehandelt. Gropius selbst nimmt an, dass Frauen nur zweidimensional denken können. So erhalten sie meistens nur Zugang zur hausinternen Weberei. Während die männlichen Vertreter wie Paul Klee, Ludwig Mies van der Rohe oder Wassily Kandinsky weltweit Beachtung finden, können viele Bauhaus-Frauen ihr Talent nicht ausleben, treten hinter den Kommilitonen zurück und geraten in Vergessenheit – zu Unrecht. Denn auch ihre Innovationen prägen die Branche bis heute.

ERfahre mehr über die Bauhaus-Frauen und ihr Schaffen.

Gunta Stölzl (1897 – 1983): Die Schöpferin des farbenfrohes Textildesigns

Die deutsche Textildesignerin und Weberin Gunta Stölzl kommt 1919 als eine der ersten Bauhaus-Frauen an die Schule. Zuvor hatte sie bereits Kunstgeschichte, Malerei, Keramik und Glasmalerei an der Kunstgewerbeschule in München studiert. Am Bauhaus erhält Stölzl wie viele Bauhaus-Frauen nur Zugang zur Webwerkstatt.

Dort gestaltet sie farbenfrohe Teppiche, Stuhlbezüge und Wandteppiche in Form komplexer Patchworks, die aus wellenförmigen Linien bestehen.

Später produziert sie Bezüge für die Stühle ihres Kollegen Marcel Breuer. Zwischen 1926 und 1931 schafft sie den Sprung und übernimmt die Leitung der Weberei.

Als Gunta Stölzl wegen ihrer Heirat mit dem jüdischen Kommilitonen Arieh Sharon aus Deutschland vertrieben wird, gründet sie mit den ehemaligen Bauhaus-Kollegen Gertrud Preiswerk und Heinrich-Otto Hürlimann die Züricher Weberei S-P-H-Stoffe. Bis 1967 leitet sie das Schweizer Unternehmen.

Erinnerungen an Gunta Stölzl. Quelle: Stiftung Bauhaus Dessau / YouTube

Marianne Brandt (1893 – 1983): Metallarbeiten und Lampendesigns

Die Chemnitzerin Marianne Brandt ist eine der wenigen Bauhaus-Frauen, die sich in der hausinternen Metallwerkstatt bewährt. Vorher ist Brandt bereits in den Bereichen Fotografie, Design, Malerei und Bildhauerei tätig. Unter ihrem Meister László Moholy-Nagy entwirft sie in der Metallwerkstatt einige der wichtigsten Alltagsprodukte der Bauhaus-Periode: den Aschenbecher MB 24 und das Tee-Extraktkännchen MT49. Charakteristisch ist beiden Produkten ein kreuzförmiges Fußteil gemeinsam, auf dem ein halbrunder Korpus in absoluter Symmetrie ruht.

1928 übernimmt Brandt die Leitung der Metallwerkstatt. In dieser Zeit entwirft sie ihre berühmte Tischlampe Kandem für die Leuchtenfirma Körting & Mathiesen. 1929 scheidet sie aus dem Bauhaus aus und arbeitet für die Ruppelwerk Metallwarenfabrik in Gotha. Nach dem Krieg arbeitet sie noch als Dozentin und Gutachterin, entwirft aber weiterhin Alltagsgegenstände.

Marianne Brandts Entwürfe. Quelle: Liz Lobaton / YouTube

Lilly Reich (1895 – 1947): Bauhaus Frau auf Augenhöhe mit Mies van der Rohe

Zu den bekannten Bauhaus-Frauen zählt auch Lilly Reich. Sie ist die Frau an der Seite des dritten Bauhaus-Direktors Mies van der Rohde – privat und beruflich. Obwohl beide Künstler zu Lebzeiten an vielen Projekten gemeinsam arbeiten, steht Reich meist in van der Rohes Schatten. Ein Beispiel, an dem beide zusammen gewirkt hatten, ist der Barcelona-Pavillon, ein deutscher Beitrag zur Weltausstellung 1929, der bis heute Mies van der Rohe allein zugeschrieben wird. Den Innenbereich des Pavillons gestaltete allerdings vorwiegend Lilly Reich. Wer den damals vorgestellten Barcelona Sessel - MR 90 aus Bandstahl und Lederpolster entworfen hat, lässt sich bis heute nicht eindeutig beantworten.

Auch für die private Villa Tugendhat, ein Meilenstein moderner Architektur, entwarf Lilly Reich die Innenausstattung.

Nach ihrer Ausbildung zur Kurbelstickerin, wird Lilly Reich 1932 von Mies van der Rohe zur Leiterin der Weberei berufen. Kurz danach muss die Schule unter dem Druck des Nationalsozialismus schließen. Als Mies van der Rohe 1937 in die Staaten auswandert, bricht der Kontakt zwischen Reich und van der Rohe ab. Nach dem Krieg arbeitet Lilly Reich dann als eine der Bauhaus-Frauen für Innenarchitektur und Bautheorie an der Universität der Künste Berlin und führt bis zu ihrem Tod ein eigenes Atelier.

Einblicke in Lilly Reichs Schaffen. Quelle: Hoosierwoodcraft / YouTube

Anni Albers (1899 – 1994): Textilkunst und Grafik

Die deutsch-amerikanische Designerin Anni Albers machte sich am Bauhaus als Textilkünstlerin, Weberin und Grafikerin einen Namen. In ihren Entwürfen folgt sie stets der Bauhaus-Philosophie, künstlerische und handwerkliche Arbeiten zu einer untrennbaren Einheit werden zu lassen. Ihr Ziel: Stoffentwürfe zu entwickeln, die sich im Industrieverfahren herstellen lassen.

Anni Albers kommt ans Bauhaus, um Malerin zu werden. Doch auch sie landet, wie die meisten anderen, in der Textilwerkstatt. Unter dem Einfluss von Paul Klee zeigt Anni Albers hier ihr Können und entwickelt gradlinige, geometrische Textilmuster.

1930 entwirft sie einen Vorhang aus Baumwolle und Zellophan, der Schall absorbiert und Licht reflektiert – ein Vorläufer heutiger Beschattungssysteme. 1931 schafft auch Anni Albers – mittlerweile Frau des Malers und Meisters Josef Albers – den Sprung an die Spitze und übernimmt von Gunta Stölzl die Leitung der Weberei.

Nachdem das Bauhaus 1933 geschlossen wird, emigriert das Künstlerpaar in die USA, wo Albers am Black Mountain College in North Carolina unterrichtet und für bekannte Unternehmen wie Knoll Stoffe herstellt. 1949 widmet das Museum of Modern Art in New York ihr eine Ausstellung, viele weitere folgten seitdem.

Die Anni Albers Ausstellung. Quelle: Museo Guggenheim Bilbao / YouTube

Bilderbuchautorin Lou Scheper-Berkenkamp (1901 – 1976): die Künstlerische

Luise Scheper-Berkenkamp, auch Lou genannt, zählt zu den weniger bekannten Bauhaus-Frauen. Das mag daran liegen, dass ihre Arbeiten nicht dem üblichen Bauhaus-Stil entsprechen. Sie vertritt einen künstlerischen Ansatz, den sie in Kinderbüchern und Illustrationen verwirklicht. Eines ihrer bekannten Werke ist „Die Geschichten von Jan und Jon und ihrem Lotsenfisch“, bei dem sie Autorin und Illustratorin war. Texte und Bilder werden in ihren Büchern zu einer untrennbaren Einheit, wie wir es heute aus vielen Bilderbüchern kennen.

Zwischen 1920 und 1922 lernt Scheper-Berkenkamp am Bauhaus unter Lyonel Feininger, Paul Klee und Georg Muche. Als sie 1922 ihren Kommilitonen Hinnerk Scheper heiratet, gibt sie ihre Bauhaus-Ausbildung auf.

Freischaffend arbeitet sie zwar später in der Bühnenwerkstatt des Bauhaus Dessau und entwirft Kostüme und Kulissen – allerdings immer ohne Immatrikulation. Als Hinnerk Schepers 1957 stirbt, übernimmt Scheper-Berkenkamp seine Aufgaben im Bereich der Farbgestaltung. So erstellt sie zum Beispiel das ursprüngliche Farbkonzept für die Berliner Philharmonie.

Das Bauhaus wird 100 Jahre alt – und mit ihm seine damaligen Studentinnen. Viele Bauhaus-Frauen sind heute kaum noch bekannt, und doch haben sie durch ihre Willenskraft und künstlerische Innovationen den Weg freigemacht für Architektinnen und Designerinnen späterer Epochen. Ein Grund mehr, auch den Damen von damals zu gedenken.

Sie wollen mehr über die legendäre Kunstschule erfahren? Mehr über den Bauhaus-Stil und die Bauhaus-Architekten lesen Sie auf G-Pulse.

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