ArcDate 2018: Das Bauen und Wohnen der Zukunft

Auch in diesem Jahr fand wieder die ArcDate, die erste Informationsveranstaltung für Architekten und Planer, in verschiedenen deutschen Städten statt. Die Referenten der einzelnen Unternehmen beschäftigten sich an diesem Abend mit den Trends des modernen Wohnens und Lebens und fragten sich darüber hinaus: „Wie viel Trend verträgt modernes Bauen?“ Die Frage, die auch als Motto des Abends herhielt, zielt auf die fortschreitende Digitalisierung in der Branche ab. Sie will die Quantität der Digitalisierungsbemühungen in Frage stellen und die Qualitätsmaßnahmen, die derzeit als „Trend“ bezeichnet werden, herausstellen. Den Anfang machte der erste Redner und Zukunftsforscher Andreas Steinle, der in seinem Impulsvortrag über Trends und Gegentrends gesellschaftliche Aspekte verdeutlichte.

Trends + Gegentrends = Synthesetrends: Ein Vortrag von Steinle

Ob herrschaftliche Bauten in Jahren des Reichtums oder einfache, provisorische Unterkünfte in schweren Nachkriegszeiten: Für Andreas Steinle war Architektur schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Das habe sich bis heute nicht geändert, beginnt der Zukunftsforscher seinen Vortrag. Im Jahr 2018 befindet sich unsere Gesellschaft im Umbruch, so Steinle: Die Digitalisierung hat Einzug in unseren Alltag gehalten und verändert unser Leben seither maßgeblich. Auch politisch sind die Lager gespalten, extreme Ausprägungsformen erfreuen sich heute großer Beliebtheit. Diese Umbrüche beeinflussen nicht nur unsere aktuellen gesellschaftlichen Trends, sondern verstärken sie und provozieren konträre Gegentrends.
ArcDate 2018 in Köln

Für Steinle eine logische Konsequenz mit Folgen: Wir fühlen uns hin- und hergerissen – streben beispielsweise nach Digitalisierung, sehnen uns aber gleichzeitig nach Entschleunigung; wollen Hightech, aber trotzdem nicht auf Natürlichkeit verzichten. Auch alte Zeiten und Traditionen werden heute vielfach heraufbeschwört – Menschen wirken überfordert mit der Vielzahl der Möglichkeiten und Perspektiven der Globalisierung, der Schnelllebigkeit sowie dem politischen Liberalismus und sehnen sich wieder nach Beständigkeit und Ruhe, erklärt Andreas Steinle den interessierten Zuhörern. „An das Leben mit diesen Gegensätzen hat sich ein Großteil der heutigen Gesellschaft gewöhnt“, so Zukunftsforscher und Geschäftsführer der Zukunftsinstitut Workshop GmbH Andreas Steinle.

Auch in unseren eigenen vier Wänden spiegeln sich für Andreas Steinle diese Paradoxien wider: Wir kochen immer weniger selbst, trotzdem werden die Küchen in Häusern größer, komfortabler und glänzen mit edler Ausstattung. Verschiedene innovative Wohnprojekte zeigen schon jetzt bildlich, dass sich aus dem Zusammenspiel von Trends und Gegentrends in unserer Gesellschaft alternative und neuartige Wohnkonzepte entwickeln. Eines dieser neuen Modelle stellt Steinle im Anschluss direkt vor: Das 2016 gegründete „Hightech-Kibbuz „Earthship Tempelhof“ in Schwaben, in dem ein autarkes, bäuerliches Leben geführt wird, während das Dorf aber an ein Glasfasernetz angeschlossen ist und über eigene unabhängige Server sowie ein eigenes Hightech-Labor verfügt.

Quelle: filmingforchange / Vimeo

Aus solchen Zukunftsvisionen und dem Leben mit diesen Gegensätzen entsteht etwas Neues: die sogenannten Synthesetrends. So nennt Steinle nämlich gesellschaftliche Bewegungen, die zwei Gegensätze miteinander vereinen.

Weder online noch offline, sondern OMline

Einer dieser Synthesetrends hat mit der in Schwaben bereits gelebten Verbindung zwischen online und offline Verhalten einen Namen gefunden: „OMline-Trends“ nennt Steinle diese auf den ersten Blick unvereinbaren Gegenläufe. 

Das „Om“ – im Hinduismus ein wichtiger Gebetslaut – im Wort hält dazu an, öfter mal innezuhalten und Kraft zu schöpfen. Die englische Nachsilbe „line“ als Bestandteil der Worte „online“ und „offline“ verdeutlicht im Gegensatz dazu die Vernetzung und Digitalisierung der heutigen Gesellschaft, in der man entweder stets erreichbar, also online, oder nicht verfügbar, und damit offline ist. Doch nicht alle Synthesetrends sind für Steinle gleich gewichtet. Vier dieser „Gegensatztrends“ sind für den Forscher im Bereich Wohnen von besonderer Relevanz und damit Megatrends.
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X Trends, vier davon „Megatrends“

Megatrends definiert Steinle als “Veränderungsprozesse, die langfristig, nachhaltig und komplex unsere Welt verändern”. Umgemünzt auf unsere Lebenswelten bestimmen für Steinle diese vier Trends das Wohnen der Zukunft: Die Individualisierung unserer Haushalte, die Konnektivität, der Wunsch nach (Wohn-)Gesundheit und die Weiterentwicklung des Wohnens für die alternde Bevölkerung.

Abschließend möchte Steinle die Zuhörer vor allem dazu bringen darüber nachzudenken, welchen Einfluss diese vier Trends auf das Bauen der Zukunft haben. Steinle fragt weiter: Wie verändert unsere widersprüchliche Gefühlslage das Bauen? Gesundheit, Konnektivität und Individualisierung um jeden Preis? Brauchen wir das? Möchten wird das? Und auch in diesem Fall müssen wir fragen: Wenn ja, in welchem Maß?

Die vier Trends stellten Andreas Steinle, Peter Taschner, Martin Schwind und Dr. Roland Herkt im Laufe des Abends näher vor. 

Den ersten Trend übernahm Steinle direkt selbst: Die Individualisierung des Wohnens. Im Folgenden sind die Vorträge der vier Redner zusammengefasst.

Andreas Steinle: „Trend 1: Individualisierung auf dem Wohnungsmarkt“

Menschen heute leben Diversität – Biografien sind extrem individuell und unterschiedlich, Lebensphasen und Altersstufen sind nicht mehr klar definiert. Ein Minijob im Rentenalter? Heute keine Seltenheit mehr. Mehrere Ehen oder doch gar keine? In westlichen Sphären heute gesellschaftlich akzeptiert. Für Steinle sind diese Fragestellungen der Kern des Individualisierungstrends. Das Trendforschungsunternehmen K-Hole aus New York, so Steinle, fasst dies besonders einleuchtend zusammen: „Alles wofür Menschen früher kämpfen mussten, gilt heute als selbstverständlich – überall wird Einzigartigkeit und Freiheit gelebt, was zu ganz neuen Schwierigkeiten der Identitätsfindung und der Isolierung der einzelnen Menschen führt.“

Quelle: GdW Bundesverband / YouTube

Auf dem Wohnungsmarkt zeige sich der Trend der Individualisierung beispielsweise in den Paragon Appartements im Prenzlauer Berg in Berlin, so Steinle. Micro-Appartements, gebaut im Loft-Stil, könnten hier je nach persönlichem Gusto und „Wohnungsmix“ eingerichtet werden – besäßen aber auch einen gemeinschaftlich genutzten Clubraum, der für alle Bewohner zugänglich ist und für ein bisschen Gesellschaft in der Großstadt sorgen und der sozialen Isolierung vorbeugen soll. Für Steinle ein klares Zeichen für die Individualisierung des Lebensraums.

Peter Taschner: „Trend 2, Konnektivität: Der moderne Butler ist Haustechnik“

Erst kommunizierten Menschen, jetzt kommunizieren Maschinen untereinander und vereinfachen uns so das Leben: IoT boomt. 2030 sollen, laut Steinle, 500 Milliarden „Dinge“ untereinander vernetzt sein. Im Bereich Bauen und Wohnen zeige sich das durch die zunehmende Automatisierung in den eigenen vier Wänden, kurz Smart Home.

Egal, ob smart gesteuerte Jalousien oder ferngesteuerte Alarmanlagen oder Leuchten – wir wohnen immer vernetzter, stellt der Redner fest.Gira Key Account Manager Peter Taschner stellt Trend Nummer zwei, die Konnektivität vor. In seinem Vortrag rät Taschner dazu, sich bei allem Wunsch nach Vernetzung vorab intensiv darüber Gedanken zu machen, welcher Technik-Typ man selbst sei. Brauchen wir alle diese Funktionen? Wahrscheinlich liege die Wahrheit in der Mitte, so der Experte.

Taschner sieht vor allem eine Zukunft in der Entwicklung von Lösungen, zur Steigerung der Energieeffizienz und Sicherheit unserer Gebäude. Ganzheitliche Smart Homes sind für ihn in verschiedenen Dimensionen denkbar, ob nur Smart Rooms, Smart Villas oder sogar ganze Smart Factorys. Künftig wolle Gira alles daransetzen, mit intelligenter Gebäudetechnik einen großer Schritt Richtung Zukunft zu gehen – auch, um Ressourcen zu schonen und damit die Umwelt zu entlasten.

Martin Schwind: „Trend 3, Wohngesundheit: Mehr als ein Trend!“

Dem Trend der Wohngesundheit widmet sich Martin Schwind von der Firma Knauf Gips AG. Gesundheit als einen Trend zu beurteilen sei in seinen Augen fatal – ist Gesundheit doch ein Grundrecht für jeden Menschen. Als Hersteller von hochwertigen Bodenbelägen galt seine Aufmerksamkeit vor allem wohngesunden Gips, Kalk und Spachtelplatten, die einfach herzustellen sind, sich gut desinfizieren lassen und kaum Schimmelbildung erzeugen. Wohngesundheit gelte als zentrales Thema fürs Bauen der Zukunft, wo natürliche Rohstoffe und Ressourcen knapper werden, Umweltschutz aber wichtiger und Menschen langfristig hohe Summen in ihr Wohneigentum investieren.

Dr. Roland Herkt Trend 4: Silver Society – Individualisierung im Bad

Dem vierten Trend widmete sich Dr. Roland Herkt von der Firma Geberit, Deutschlands führendem Hersteller von Sanitärprodukten. Er ging besonders auf den Begriff der „Silver Society“ ein: Statt sich in den Ruhestand zu begeben, nähmen ältere Menschen heute selbstverständlich in Form von Ehrenamt, Erwerbsleben oder einem Universitätsstudium am Gesellschaftsleben teil und hätten gesteigerte Ansprüche an Wohlstand und Komfort - was der Begriff der „Silver Society“ verdeutlichen soll. Unsere Gesellschaft altert – noch fehlten uns in vielen Bereichen aber noch die richtigen Lösungen, um diesem Umstand gerecht zu werden und ein Menschen ein glückliches, selbstständiges und gesundes Leben bis ins hohe Alter zu ermöglichen, so Herkt.

 

Mit Entwürfen zu barrierefreien Bädern und altersgerechten Smart Homes liefern Unternehmen für Herkt bereits erste Entwürfe für ein gelungenes Leben unter besten Bedingungen bis ins hohe Alter hinein. Ihm läge allerdings besonders die Bewegung weg von der Integration hin zur Inklusion in Badezimmern am Herzen – als Beispiel nannte er bodentiefe Duschen, die mittlerweile unverzichtbares Design-Element im heimischen Badezimmer sind, ursprünglich aber dem barrierefreien Badezimmerkonzept entstammen. Barrierefreie Räumlichkeiten, allen voran das Badezimmer, angepasst an die individuellen Bedürfnisse, sind für den Vertriebler im Hinblick auf steigende Lebenserwartungen zukunftsbestimmend. 

Zukunftsvision: Produkte, die helfen

Am Ende waren sich alle Referenten einig: Es geht nicht mehr nur darum, reine Konsumgüter zu entwickeln.Es geht vielmehr darum echte Lösungen zu entwickeln, die etwas bewirken – Produkte, die helfen. Denn am Ende bleibt der Mensch das Maß aller Dinge. Wer jetzt neugierig geworden ist und mehr wissen möchte, kann die Veranstaltung nächstes Jahr auch selbst besuchen: Die Veranstaltungsreihe richtet sich an Architekten, Planer und alle, die sich für das Bauen von morgen interessieren. Dabei erfahren Sie aber nicht nur etwas über Trends, es werden Ihnen auch ganz konkret moderne Lösungen vorgestellt, die Ihr Bauvorhaben in Richtung Zukunft führen.

Die Vortragsreihe ArcDate 2018 ist bereits beendet – zu den Terminen 2019 halten wir Sie hier auf G-Pulse natürlich auf dem Laufenden.

Stimmen Sie mit den Visionen der ArcDate Sprecher überein? Oder fehlt ein zentraler Zukunftstrend des Wohnens für Sie? Teilen Sie uns Ihre Meinung gerne in den Kommentaren mit.

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