Architektur-Epochen des 20. Jahrhunderts: Das sind die 7 wichtigsten Baustile

Neue Architekturstile stehen fast immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, technologischen und politischen Entwicklungen der aktuellen Zeit. So verhielt es sich auch bei den Baustilen des 20. Jahrhunderts.

Insbesondere die fortschreitende Industrialisierung und technologische Errungenschaften veränderten die Möglichkeiten, die Sprache und die Anforderungen an die Baukunst. Daraus entstanden Architektur-Epochen, deren Merkmale und Lehren Einfluss bis in die Gegenwart haben.

Collage der wichtigsten 7 Architektur-Epochen des 20. Jahrhunderts

Aus Sicht der Architektur unterteilt sich das 20. Jahrhundert in drei Abschnitte, die unter dem Oberbegriff „moderne Architektur“ zusammengefasst werden:

  • Väter der Moderne: ca. 1900 bis 1920
  • Moderne (auch „Neues Bauen“ oder „Klassische Moderne“): ca. 1920 bis 1968
  • Post-Moderne: ca. 1968 bis heute

Jede dieser Phasen umfasst verschiedene Architekturströmungen und Stile, die relativ kurzzeitig aufeinander folgten und teilweise parallel existierten.

1. Jugendstil: Geometrische Formen und florale Elemente

Nach der Opulenz und Extravaganz des 19. Jahrhunderts stellten die avantgardistischen Stile der "Väter der Moderne" einen Gegenentwurf zum Historismus und dessen prunkvolle Ästhetik dar.

Mit einer Verbindung aus funktionalem Handwerk und Kunst entwickelte sich der Jugendstil in der Wende zum 20. Jahrhunderts zu einer Art Vorbote der Moderne. Durch Vertreter wie Antoni Gaudi, Otto Wagner oder Josef Hoffmann erlebte die Kunstbewegung zwischen 1890 bis 1910 ihre Blütezeit als Architekturstil.

Die Merkmale des Jugendstils:

  • Idee: Verbindung von Ästhetik und Funktionalität in einem gesamtkünstlerischen Konzept, das neben der Bauweise auch die Innenausstattung einbezog
  • Konstruktion: überwiegend geometrische Formen und Flächen
  • Symbolik: Darstellungen aus der Tier- und Fabelwelt, florale Ornamente, fließende Linien
  • Materialien: Sandstein für die Fassadengestaltung
  • Charakter: innovativ und originell
Das Gaudí Casa Batlló in Barcelona.

2. Expressionismus: spitze, runde oder zackige Bauformen

In Mittel- und Nordeuropa entwickelte sich zwischen 1910 und 1925 ein Baustil, der versuchte, den Emotionen der Architekten Ausdruck zu verliehen. Der Expressionismus zeigte eine Abkehr von der reinen Sachlichkeit und dem Rationalismus des sich allmählich durchsetzenden Funktionalismus. Zu den bekanntesten Vertretern der expressionistischen Architektur-Epoche gehören Erich Mendelsohn, Fritz Höger, Hans Poelzig und Bruno Taut.

Die Merkmale des Expressionismus:

  • Idee: Ausdruck von Gefühl durch baukünstlerische Mittel
  • Konstruktionen: abstrakte und monumentale Plastiken, teilweise Überbetonung der Form durch spitze Winkel, Rundungen und Zacken
  • Gestaltung: Fassaden mit Ornamenten, Reliefs und Skulpturen
  • Materialien: Backstein, Klinker
Das I. G.-Farben-Haus von Hans Poelzig in Frankfurt.

3. Funktionalismus: sachlich und schlicht

Der Funktionalismus beschreibt eine neue Denkweise in der Baukunst, aus der andere Architektur-Epochen des 20. Jahrhunderts hervorgingen. Architekten und Designer fokussierten sich auf die Frage nach dem Zweck und der Nützlichkeit von Gebäuden. Vorreiter und Vertreter wie Le Corbusier gingen Gestaltungsgrundsätzen nach, die von Verstand und Logik geleitet waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Funktionalismus beim Wiederaufbau an Bedeutung und umfasste in den 50er-und 60er-Jahren zunehmend auch städtebauliche Konzepte.

Wohnblöcke aus Stahlbeton wurden zu Vorläufern der späteren Plattenbauten.

Die Merkmale des Funktionalismus:

  • Idee: Fokussierung auf technische, funktionale Aspekte
  • Konstruktion: geradlinige, sachliche Form
  • Materialien: moderne Baustoffe wie Spannbeton, Glas und Stahl
  • Charakter: minimalistisches Gesamtbild; moderne Sachlichkeit
Ein klassisches Beispiel für ein Gebäude des Funktionalismus: Ein schlichter Wohnblock aus Stahlbeton.

4. Bauhaus: Die Form folgt der Funktion und weniger ist mehr

Das Bauhaus verhalf dem Funktionalismus zum internationalen Durchbruch. Was als Experiment begann, entwickelte sich zur einflussreichsten Stilrichtung Deutschlands. Obwohl die Bauhausschule nur 14 Jahre, von 1919 bis 1933, bestand, prägte sie künftige Architektur-Epochen wie kaum eine andere. Zu den bekanntesten Vertretern zählen ehemalige Lehrende wie Ludwig Mies van der Rohe, Marcel Breuer und Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Die Bauhaus-Architektur ist heute bei Bauherren gefragter denn je und wird immer wieder gerne neu interpretiert und spannend umgesetzt.

Die Merkmale des Bauhaus-Stils:

  • Idee: Verbindung von Industrie, Wissenschaft und Handwerkskunst
  • Theorie: „Form follows function“ (die Form folgt der Funktion) und „Less is more“ (weniger ist mehr)
  • Konstruktion: geometrische und kubische Grundformen, klare Ordnung durch geradlinige Flächen
  • Materialien: Stahl, Glas und Beton
  • Farben: Komplementär- und Grundfarben
  • Charakter: „gepflegte Kälte“, schlicht und schnörkellos
Das Bauhausgebäude von Walter Gropius in Dessau. - schlicht und mit einer großen Fensterfront versehen.
Gira E2 Grau matt +

Neu: Die Designlinie Gira E2 in Grau matt

Neuauflage des zeitlosen Klassikers: Die Schalterserie Gira E2 hat mit der Farbvariante Grau matt ein neues minimalistisches Highlight dazugewonnen.

Bei einem schlichten Baustil sorgt die Gira E2 Designlinie für minimalistische Kontraste. Quelle: Gira

5. International Style: viel Stahl, Glas und oft unverputzter Beton

Mit dem International Style fanden die Auffassungen des Funktionalismus und Bauhaus ab den 1920er Jahren eine internationale Bühne. Die Architekturströmung übertrug und zementierte die Gestaltungsansätze der sachlichen, funktionalen Architektur in den Entwürfen weltweiter Bauwerke. Wolkenkratzer und Bürogebäude im International Style prägen bis heute die Skyline zahlreicher Metropolen in Europa und den USA.

Die Merkmale des International Style:

  • Idee: Funktion und Nützlichkeit auf begrenztem Raum
  • Konstruktion: Wechsel aus symmetrischen und asymmetrischen Flächen, kubistische Elemente, Flachdach
  • Gestaltung: Verzicht auf repräsentative Details und Verzierungen, großformatige Glasflächen für Lichtfülle im Innenbereich
  • Materialien: industriell gefertigte Baustoffe wie Stahl, Glas und Beton; weißer Putz, Holzverschalung für die Fassadenverkleidung
  • Besonderheiten: sichtbare Bauelemente wie unverputzte Betonwände, offene Stahlträger, Versorgungsleitungen und Rohre
Das Seagram Building ist ein klassischer Wolkenkratzer der International Style Epoche: Sichtbare Stahlträger und große Fensterflächen.

6. Organische Architektur: Wölbungen und Rundungen nach dem Vorbild der Natur

Die Organische Architektur ist auch als „anthroposophische Architektur“ bekannt, weil sie den Menschen in den Mittelpunkt der Entwürfe stellte. Bauwerke dieser Architektur-Epoche sollten sich möglichst authentisch in die umgebende Landschaft einfügen. Neben dem Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner nahmen sich zwischen 1920 bis etwa 1970 Architekten wie Frank Lloyd Wright, Antonio Gaudí und Hugo Häring die Natur zum Vorbild. Ein typisch organisch erbautes Bauwerk ist das Goetheanum, das Gebäude der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in der Nähe von Basel in der Schweiz.

Die Merkmale der Organischen Architektur:

  • Idee: Mensch im Mittelpunkt der Entwürfe, Natur als Vorbild
  • Konstruktion: Höhlen-Charakter mit skulpturalen Formen und Rundungen, fließende, dynamische Formen und Spiralen und Unregelmäßigkeiten ohne mathematisch berechenbare Logik
  • Symbolik: naturnahe Symbole wie Schneckenhäuser, Blätter und Bäume
  • Materialien: natürliche und naturbelassene Baustoffe wie Lehm, Stein und Vollholz sowie Farben und Lacke auf ökologischer Basis wie Kalk
  • Farben: gedeckte Naturfarben, Erd- und Pastelltöne
Das Goetheanum Gebäude in der Schweiz - ein Beispiel der anthroposophische Architektur

7. Dekonstruktivismus: surreal und schief statt geometrisch

Zunehmende Kritik an den starren Konventionen des Funktionalismus läuteten in den 1980er-Jahren eine Trendwende ein. Neue Technologien ermöglichten neue Gestaltungs- und Bauprozesse, die experimentelle Stile wie den Brutalismus und Dekonstruktivismus ermöglichten.

Als Architekturstil beschreibt der Dekonstruktivismus nicht nur das „Auseinandernehmen“ von Konstruktionen, sondern vor allem eine Weiterentwicklung der üblichen Bauweise der Postmoderne. Als Vater dieser Strömung gilt Frank Gehry, der schon 1988 sein privates Wohnhaus nach Prinzipen des Dekonstruktivismus gestaltete. Auch Zaha Hadid, Bernard Tschumi und Daniel Libeskind entwarfen Werke mit typischen Merkmalen dieser Architektur-Epoche.

Bis heute stechen die Bauten durch frei angeordnete und collagenartige Elemente hervor.

Dekonstruktivismus Merkmale:

  • Idee: Abkehr von Harmonie durch Verzicht auf Geradlinigkeit, Geometrie und Symmetrie; Bruch mit der gängigen Bauweise der Postmoderne
  • Konstruktion: keine feste Ordnung und scheinbar schiefe, verzerrte oder kippende Wände und instabile Flächen
  • Materialien: Beton, Stahl und Glas
  • Charakter: surreal und abstrakt, Bauwerke wirken wie künstlerische Skulpturen
Die Walt Disney Konzerthalle in Los Angeles fällt insbesondere aufgrund ihrer unausgewogenen Geometrie auf.

Neben den sieben vorgestellten Baustilen entstanden im 20. Jahrhundert zahlreiche weitere Strömungen.

Insbesondere die Werke des Funktionalismus und Bauhaus gelten bis heute als zeitlos, stilvoll und klassisch modern – kein Wunder also, dass sich die Lehren und Merkmale dieser Architektur-Epochen noch immer in zeitgenössischen Entwürfen wiederfinden.

Welche Architektur-Epochen des 20. Jahrhunderts mögen Sie besonders? Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

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