Architektur-Biennale Venedig 2018: Diese zehn Pavillons sind einen Besuch wert

Alle zwei Jahre schaut die internationale Architekturszene nach Venedig – denn hier findet dann die Biennale Architettura statt. Der Titel der diesjährigen Veranstaltung könnte kaum offener sein: Unter dem Motto „Freespace“, zu Deutsch „Freiraum“ präsentieren 61 Länderpavillons ihre Exponate, die an den Veranstaltungsorten Arsenale und Giardini zu sehen sind. Bis zum 25. November können Sie die Installationen noch besichtigen. Unsere zehn Highlight-Pavillons haben wir Ihnen in diesem Artikel zusammengefasst.

Deutschland: Unbuilding Walls

Mit einem politischen Freiraum zeigt sich der deutsche Pavillon. Sein Thema: Seit dem 5. Februar 2018 ist die Berliner Mauer 28 Jahre Geschichte. Genauso lange hatte die deutsche Mauer zuvor Bestand.

In der Ausstellung beleuchten die Gründer des Studios GRAFT mit Marianne Birthler, der ehemaligen Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, die Abgrenzungs- und Teilungsprozesse aus einer politisch, gesellschaftlichen sowie architektonischen Perspektive.

Beim Betreten des Pavillons steht der Besucher einer scheinbar schwarzen Wand gegenüber. Die entpuppt sich beim Näherkommen nur als Reihe einzelner Wandteile, wodurch die Mauer durchlässig wird. Auf deren Rückseite stellen die Kuratoren 28 Projekte vor, die auf dem Gelände des ehemaligen Todesstreifens umgesetzt wurden – dazu gehören genauso der touristische Checkpoint Charly sowie der Axel Springer Neubau, der auf dem „Lindenpark-Gelände“ im Herzen des früheren Zeitungsviertels und entlang der ehemaligen Berliner Mauer entsteht.

Architektur-Biennale Venedig 2018

Luxemburg: The architecture of a common ground

Auch im Luxemburger Pavillon der Kuratoren Florian Hertweck und Andrea Rumpf liegt der Fokus auf Stadtplanung und politischer Debatte. Im Zentrum steht die Bodenfrage im kleinen Luxemburg – die Ursache vieler Probleme der Stadtentwicklung. Immerhin 92 Prozent des bebaubaren Raumes befinden sich in privater Hand.

Der Pavillon zeigt, wie sich ein gesundes Verhältnis zwischen kommunalem und privatisiertem Grund und Boden entwickeln könnte – darunter nicht realisierte Modelle von Gebäuden, die zum Beispiel auf Stelzen stehen und den darunter liegenden Raum zugänglich machen. Besucher erhalten aber auch Einblicke in Bauwerke der Architekturgeschichte, die mögliche Ansätze aufzeigen.

Architektur-Biennale Venedig 2018

Niederlande: Work, Body, Leisure

Wie ein Versuchsfeld für Arbeitskonzepte der Zukunft versteht sich der Pavillon der niederländischen Kuratorin Marina Otero Verzier. Ihre Fragestellung: Wie sehen zukünftige Räume im Zusammenspiel zwischen Menschen und Maschine aus, die uns immer mehr Arbeit abnehmen wird?

Und wie können Arbeit und Freizeit zu einer Einheit verschmelzen?

In einem Umkleideraum in knalligem Orange können Besucher unterschiedliche Schließfächer entdecken. Darin finden sich Beiträge von Architekten und Künstlern verschiedener Epochen, die Geschichten erzählen und zum Nachdenken anregen.

Eindrücke des niederländischen Pavillons. Quelle: YouTube / VernissageTV

Argentinien: Vertigo Horizontal

Um tatsächliche Freiflächen geht es im Landespavillon Argentinien. Wie unter freiem Himmel wirkt das argentinische Exponat der Kuratoren Javier Mendiondo, Pablo Anzilutti, Franciso Garrido und Federico Cairoli – zumindest, wenn man den vielen Instagram-Postings glaubt, die eine unendliche Landschaft widerspiegeln, die von vertikalen Spiegeln flankiert wird.

Doch der Schein trügt. Tatsächlich befindet sich die Installation in einem gläsernen Kubus, der inmitten des Pavillons steht. Grund für das naturverbundene Konzept: Die Kuratoren wollen auf die zahlreichen neuen Parks aufmerksam machen, die seit der Wiedereinführung der Demokratie 1983 entstanden sind und zu sozialen Räumen geführt haben.

Architektur-Biennale Venedig 2018

Rumänien: MNEMONICS

Auch im rumänischen Pavillon geht es um soziale Räume: Das rumänische Exponat des Kuratoren Romeo Cuc wirkt wie ein Kinderspielplatz zwischen großen Wohnblöcken.

Besucher sind eingeladen, sich dem spielerischen Raum zu nähern und mit anderen Besuchern in eine Interaktion zu kommen. Auf diese Weise wird der zunächst seelenlose Raum zu einem Ort des Zusammenlebens, den man sich spontan zu eigen macht.

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Griechenland: School of Athens

Auch im griechischen Pavillon, der von dem Londoner Architekturbüro Neiheiser Argyros kuratiert wird, gibt es soziale Großräume zu entdecken – und zwar weltweit.

Der farbenfrohe Entwurf präsentiert 55 Modelle akademischer Räume auf der ganzen Welt, die mit Liebe zum Detail entstanden sind und zum Stöbern einladen. Mit den Exponaten wollen die Kuratoren zeigen, wie bedeutsam Gemeinschaftsräume von Universitäten für den Faktor Lernen sind.

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Indonesien: The Poetics of Emptiness

Ganz anders ist der indonesische Pavillon, der eine Poetik der Leere verspricht. Der Pavillon beweist in seiner ruhigen Gestaltung, wie atemberaubend provisorische Architektur sein kann. Mit einfachem Papier, das in Streifen von der Decke hängt und Kurven bildet, schaffen die Kuratoren eine Struktur, in die man eintauchen oder sie von außen betrachten kann.

Räume für die Ewigkeit? Von wegen. Mit dem reduzierten Exponat beweisen die Kuratoren Ary Indrajato, David Hutama, Adwitya Dimas Satria, Ardy Hartono, Johanes Adika und Jonathan Aditya, wie sich Architektur im Hinblick auf eine sich rasch verändernde Umwelt entwickeln muss.

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China: Building a future countryside

Obwohl China einige der größten Städte der Welt beherbergt, leben immer noch viele Menschen auf dem Land. Und das entwickelt sich in einem rasanten Tempo.

Als Gegenpol zur Hyperurbanisierung beschäftigt sich der Länderpavillon von Kurator Dr. Li Xiangning mit der Frage, wie sich der ländliche Raum und sein kulturelles Erbe mit dem technologischen Fortschritt in Einklang bringen lässt – Internet, Logistik und Sharing Economies inklusive.Beispiele: Ein Aussichtsturm, der aus Überresten eines zerstörten Hauses gebaut wurde oder ein das Modell eines Bambusdaches, das eine Acht bildet.

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Ägypten: Roba becciah / Die informelle Stadt

Der ägyptische Pavillon beschäftigt sich mit der strategischen Neuentwicklung von Ägyptens informellem Gewerbe. In der Tat erreicht der illegale, freie und nicht strukturierte Handel im Land eine Dimension, die immer weiter in den öffentlichen Raum hineinreicht und dort interveniert. Während sich der traditionelle Verkauf einst auf enge Straßen oder historische Gebiete beschränkte, erreicht der illegale Handel heute die großen Hauptstraßen ägyptischer Städte.

Im Pavillon formulieren die Kuratoren Islam Elmashtooly and Mouaz Abouzaid einen Neuentwurf, indem sie ausgediente Güter von Konsumgesellschaften gesammelt und in Bereichen gestapelt haben. Die sollen eine Grundlage für die geordnete Möglichkeit zukünftiger Handelszwecke schaffen. Der Markt wird in Ägyptens Pavillon nicht nur räumlich umstrukturiert, sondern bedeutet auch eine Neuordnung des sozialen städtischen Gefüges.

Architektur-Biennale Venedig 2018

Schweiz: Svizzera 240 – House Tour

Am Ende steht als Highlight der Schweizer Pavillon, der sich mit dem Thema Wohnungsbau beschäftigt und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Der Pavillon hat sich zur Biennale in eine echte Wohnung verwandelt – mit dem Unterschied, dass Maßstäbe ad absurdem geführt werden. Türen sind zu groß oder zu klein, Steckdosen sitzen an Orten, die kaum erreichbar sind und auf die Arbeitsplatte der Einbauküche kommt man nur mit einer Leiter. Eine Wohnungsbesichtigung nicht nur mit allen Sinnen, sondern wie im echten Leben, wo standardisierte Wohnungen meistens nicht zum Individuum passen.

Die Zahl 240 steht für die derzeit von Bauplanern als optimal angesetzte Deckenhöhe in Wohnräumen. Das Projekt wurde umgesetzt von Alessandro Bosshard, Li Tavor, Ani Vihervaara und Matthew van der Ploeg.

Fazit

Die Architektur-Biennale zeigt eins: So sehr die Branche die großen Bauwerke bekannter Stararchitekten braucht, zeigen Nachwuchskräfte in Venedig, wie wichtig es ist, den Fokus auf die Architektur im jeweils eigenen Land zu lenken – dabei geht es um Entwürfe, die im Kontext mit der geografischen, kulturellen und sozio-ökologischen Heimat stehen.

Architektur-Biennale Venedig 2018

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