Alejandro Aravena: Ein Architekt mit sozialem Gewissen

Ein charismatischer Redner mit klaren Visionen

2001 wurden 90 internationale Architekten zur französischen Veranstaltung Archilab Orléans eingeladen, um ihre Ideen zum modernen Wohnen zu präsentieren. Es folgen zahlreiche Vorträge und Diashows. Schließlich wird Alejandro Aravena aufgerufen, ein junger Architekt aus Chile, den bis dato kaum einer im Saal kennt. Ein großer, charismatischer Mann mit struppigem Haar und schwarzer Kleidung betritt die Bühne. Er zeigt keine Bilder oder philosophiert über den Sinn von Form und Funktion. Er erzählt eine Geschichte von Dorfbewohnern in den chilenischen Anden, die das Schicksal heimatlos machte, die kein Dach über dem Kopf haben – und somit auch keine Architektur. Schon damals wird klar, dass es Aravena um die ganz existenziellen Themen im Leben geht.

Der „Erste Hilfe“-Architekt: Lösungen für den chilenischen Wohnungsbau

Heute, 15 Jahre später, gehen mehr als 2.500 Sozialwohnungen auf das Konto des 48-Jährigen. Im prekären Niemandsland der chilenischen Favelas schuf er mit seinem Architekturbüro Elemental, das er 1994 gründete, günstigen Lebensraum und baute einen neuen Stadtteil, als nach einem Erdbeben und Tsunami im Jahr 2010 tausende Menschen obdachlos wurden. Für seine Mission geht Aravena auch mal unkonventionelle Wege. Nach der Devise „lieber ein gutes halbes als schlechtes ganzes Haus“ legt er den Grundstein für Existenzen und überlässt den Bewohnern als Co-Akteuren die Fertigstellung – wenn wieder Geld vorhanden ist. So wird aus einem Bauauftrag der chilenischen Regierung mal eben ein kollektiver Prozess, der die Gemeinschaft stärkt.

Aravenas Bauprojekte in Chile

Die Umwelt im Fokus – auch als Architekt für den Klimaschutz

Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen setzt Aravena seine Fähigkeiten nicht für die Privilegierten der Gesellschaft ein, sondern widmet sie dem Gemeinwohl. Dabei übernimmt er nicht nur soziale Verantwortung, sondern profiliert sich auch als Klima- und Umweltschützer. Zu einem seiner bekanntesten Bauten zählt das UC Innovation Center auf dem Campus der Katholischen Universität von Chile in Santiago, an der er selbst studierte. Große Öffnungen in der Fassade des 14-stöckigen Zement-Monolithen fungieren als natürliches Belüftungssystem, ersetzen so die Klimaanlage und reduzieren den Energieverbrauch des Gebäudes um zwei Drittel. Auch bei der Konzeption seiner Siamesischen Türme, „Torres Siamesas“ genannt, und anderer Fakultätsgebäude auf demselben Universitätsgelände legte Aravena den Fokus auf eine energieeffiziente Bauweise.

Ein Kurator und Preisträger fernab vom Status Quo

Aravenas Werke zeugen nicht unbedingt von innovativem Design, punkten nicht mit Hightech oder besonderer Formschönheit – Da überraschte es nicht nur ihn selbst, dass er in diesem Jahr den renommierten Pritzker-Preis entgegennehmen durfte.

Kürte er als Jurymitglied bis 2015 noch Kollegen, die noble Residenzen, hochmoderne Stadt- und Parkanlagen erschaffen haben, für ihr Lebenswerk, ist er nun selbst der zweitjüngste Empfänger eines Preises, der als „Nobelpreis der Architektur“ gilt. Dass sein Schaffen besondere Relevanz hat, zeigt auch seine Rolle als Schirmherr der 15. Architektur-Biennale in Venedig, die im März dieses Jahres begann. Sein Kredo, mit einfachen, vorhandenen Mitteln die gebaute Umwelt und Lebensqualität der Menschen zu verbessern, trifft auch hier den Nerv der Zeit. Aravena ist nicht nur ein einfühlsamer Geschichtenerzähler, sondern Macher. Sein Schaffen richtet er nach aktuellen Gegebenheiten, folgt wirtschaftlichen Notwendigkeiten, Naturkatastrophen und dem Umweltschutz. Aravena ist, wie er sagt, bereit den Status Quo zu verlassen, möchte Prioritäten verschieben, Perspektiven erweitern und Relevanzen neu positionieren. Es ist wünschenswert, dass er die jüngste Generation seiner Branche dazu inspiriert, sein Anliegen fortzuführen und ihr Können in gewissen Situationen auch dem Gemeinwohl zu widmen.

Was denken Sie: Ist es Aufgabe der Architektur, soziale Verantwortung zu übernehmen? Oder sollten Designer ihren Fokus auf Form, Farbe und Funktion legen? Wir freuen uns über Ihre Meinung.

Architektur Design Nachhaltigkeit Pritzker-Preis

Starten Sie die Diskussion über diesen Artikel

Das wird Sie auch interessieren