200 Jahre Thonet – Meister der gebogenen Form

Sechs Bauteile, zwei Muttern, zehn Schrauben und gebogenes Holz: So simpel lesen sich die Materialien, aus denen Michael Thonet den berühmten Wiener Kaffeehausstuhl Nr. 14 im Jahr 1859 baute. Ein Meisterstück seiner Zeit, das bis heute zu den wichtigsten Design-Ikonen der Industriegeschichte zählt. Mit diesem Kaffeehausstuhl beginnt auch die Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens Thonet, das dieses Jahr sein 200-jähriges Jubiläum feiert.

200 Jahre Thonet: Am Anfang steht ein Kaffeehausstuhl

Die Geburtsstunde des berühmten Familienunternehmens Thonet liegt im rheinländischen Boppard, wo der Möbelhersteller Michael Thonet (1796-1871) anfänglich mit Schichtholztechniken experimentiert. Auf Einladung des österreichischen Kanzlers Klemens Metternich, geht er 1842 für einige Jahre nach Wien, wo er den Kaffeehausstuhl entwickelt. Durch das Biegen von Rundholz mithilfe von Dampf entsteht dessen elegante Form. 1853 gründet Thonet offiziell mit seinen Söhnen das Unternehmen und verlegt den Standort später ins nordhessische Frankenberg – bis heute Produktionsstandort von Thonet.

Bugholz und Stahlrohrmöbel: Eleganter Minimalismus in Serie

Die Faszination, die über dem Kaffeehausstuhl schwebt, liegt nicht allein in der Biegsamkeit des Holzes.

Innovativ ist vor allem die Reduzierung des Stuhls auf möglichst wenige Teile. Damit ebnet der Kaffeehausstuhl den Weg, hochwertige Handwerkskunst in Serie produzieren zu können. Eine Idee, die viele Jahrzehnte später von der Bauhaus-Bewegung rund um Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer mit den gebogenen Stahlrohrmöbeln weitergeführt wird.

Thonet und das Bauhaus

Thonet und die Bauhaus-Bewegung gingen zeitlebens eine enge Verbindung ein, deren Erbe durch ihre Produkte bis heute weiterlebt. Designer wie Mart Stam oder Marcel Breuer fanden nicht nur einen Weg, Stahlrohr für ihre Möbel zu biegen. Sie erklärten auch die These Michael Thonets, Material und Form auf das Wesentliche zu reduzieren, zu ihrer Leitlinie. Indem Thonet die Bauhaus-Designer unter Vertrag nahm und bis heute viele der kalt gebogenen Stahlrohrmöbel produziert, stärkte das Unternehmen ein weiteres Mal seine Philosophie rund um gebogene Möbelstücke. Der Freischwinger S 533 von Ludwig Mies van der Rohe und die Stahlrohr Klassiker S32 und S64 von Marcel Breuer (künstlerisches Urheberrecht von Mart Stam) sind Meilensteine und bis heute Möbelstücke, die von Thonet produziert werden.

Außergewöhnliches Möbeldesign
Der Freischwinger S 533 ist Bestandteil der aktuellen Collection von Thonet.
Der Stahlrohrklassiker S64 zählt zum Bauhausstil.

Thonet: Möbel im Angesicht von Kontinuität und Wandel

So sehr die Klassiker von Thonet bekannt sind: In der Vergangenheit stehengeblieben, ist der Möbelhersteller dennoch nicht. Bis heute holt sich das Label namhafte Designer an Bord, die innovative Ideen mit der Thonet-Philosophie verbinden oder Klassiker neu interpretieren. Sebastian Herkner beispielsweise, Maison & Objet Designer des Jahres 2019, hat den Thonet Holzstuhl 118 um raffinierte Details wie neue Stuhlbeine, Sitzpolster und in neuen Farben erweitert. Unverwechselbar und gleichzeitig elegant zeigt sich auch der Barhocker 404 H aus Schichtholz von Industrie-Designer Stefan Diez.

Jubiläumseditionen für Bauhaus und Thonet

Thonet hat sowohl das eigene Jubiläum als auch den diesjährigen 100. Geburtstag der Bauhaus-Schule zum Anlass genommen, um Jubiläumseditionen der bekanntesten Designs zu entwerfen.

Zum 200-jährigen Firmenjubiläum haben das Designer-Duo Eva Marguerre und Marcel Besau den Kaffeehausstuhl 214 neu interpretiert – und das in den Two-Tone-Farben Schwarz, Weiß, Samtrot und Salbei. Die Besonderheit der Stühle: Die Verbindungselemente sind etwas heller gebeizt als Sitz und Stuhlbeine. Auf diese Weise soll der Blick auf die minimalistische Konstruktion des Stuhls gerichtet werden.

Auch der Freischwinger S 533 F mit Armlehnen aus der Hand des Bauhaus-Direktors Ludwig Mies van der Rohe erstrahlt in zwei neuen Varianten: Eine Kreation besticht durch anthrazitfarbenes Kernleder und ein Gestell in Perlglanzchrom. Die zweite Variante wurde in Champagnerchrom und Leder in sanftem Zartrosé gestaltet. Laut Designerduo Maguerre Besau sind beide Stühle „Anspielungen auf die warme Patina der ersten Freischwinger aus den 1920er- und 1930er-Jahren, als die Gestelle noch vernickelt wurden.“

 

 

Thonet
Möbeltrends 2020: Wiener Geflecht wird oft als Sitzfläche für Stühle genutzt.
Thonet

Die geschwungenen Holz- und Stahlrohrmöbel von Thonet zählen auch heute noch zu den modernen Designklassikern. Sie sind echte Evergreens der Möbelgeschichte, in ihrer Wirkung so aussagekräftig wie damals und integraler Bestandteil sehr unterschiedlicher Einrichtungsstile.

All das unter dem Motto „Made in Germany“, weitergelebt durch junge, neue Designer.

Ein Tipp für alle Thonet Fans: Aus Anlass des 200. Geburtstags hat das Label ein Jubiläumsmagazin produziert, das Sie online einsehen können.

Welcher Entwurf aus der Thonet Produktfamilie zählt zu Ihren Favoriten? Wir freuen uns über Ihren Kommentar.

Designerporträt Interior Design Wohnideen
Kommentare

Starten Sie die Diskussion über diesen Artikel

Das wird Sie auch interessieren

Auf dieser Seite wird der von Facebook angebotene Tracking-Pixel für Analyse- und Marketingzwecke eingesetzt. Dieser überträgt zum Teil personalisierte Daten an Facebook USA. Der Tracking-Pixel wird erst mit Ihrer Einwilligung aktiviert! Weitere Informationen zu dem Pixel, wie Sie diesen wieder deaktivieren können und welche Daten erhoben werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.